Diese Website funktioniert am besten, wenn JavaScript aktiviert ist.

Mein Problem mit dem Deutschen Chorwettbewerb | Adrian Goldner
Foto: Fabio Smitka

Mein Problem mit dem Deutschen Chorwettbewerb

Inhaltsverzeichnis
Nie mehr Artikel verpassen

Mit Twäng! hatten wir uns letztes Jahr (2022) für den Landeschorwettbewerb, dem Vorentscheid zum Deutschen Chorwettbewerb, beworben. In letzter Minute (Ende Juli) mussten wir uns jedoch dafür entscheiden, unsere Bewerbung zurückzuziehen. Von den Anforderungen des Wettbewerbs haben wir uns nicht nur nicht angesprochen, sondern auch ausgeschlossen gefühlt.

In diesem Artikel geht es darum, warum ich das für ein fatales Signal halte und was wir daraus gelernt haben: ein Plädoyer für eine ganzheitlich-musikalische Sicht auf Chorwettbewerbe (und Wettbewerbe überhaupt).

Hinweis: Mit Twäng! hätten wir uns natürlich zunächst beim Landeschorwettbewerb für den Bundeswettbewerb qualifizieren müssen. Meine Kritik richtet sich aber in erster Linie an den Deutschen Chorwettbewerb, da dieser maßgeblich bestimmt, wie die Anforderungen der jeweils untergeordneten Landes-Chorwettbewerbe bzw. regionalen Chorwettbewerbe (z. B. Badischer Chorwettbewerb) aussehen. Wir haben uns gegen die Teilnahme am Landeschorwettbewerb und damit gegen eine mögliche Weiterleitung bei entsprechender Punktzahl entschieden.

Vorgeschichte

Im letzten Jahr (2022) fanden sehr viele Chor-Events gleichzeitig statt. Das lag primär daran, dass wegen Corona, alle Ereignisse verschoben und natürlich dann nachgeholt wurden, als es wieder möglich war, also im Sommer 2022.

So war diese Zeit auch für uns als Chor sehr ereignisreich, denn wir hatten uns folgenden (ehrgeizigen) Plan vorgenommen:

  1. Großes Jahreskonzert in Freiburg im Februar an zwei Abenden

  2. Teilnahme am Aarhus Vocal Festival Chorwettbewerb im Juni

  3. Großer Auftritt beim Zelt-Musik-Festival (ZMF) in Freiburg im Juli zusammen mit der Real Group

  4. Teilnahme beim Deutschen Landeschorwettbewerb im September

Für uns als Chor waren das alles große Ereignisse, die wir – wenn wir die Wahl gehabt hätten – sicher nicht in ein Jahr gepackt hätten.

Und so hangelten wir uns bis in den Juli hinein von Auftritt zu Wettbewerb zu Auftritt. Die beiden Jahreskonzerte waren wie immer großartig. Zu unserer großen Freude konnten wir den Wettbewerb in Aarhus sogar gewinnen und auch der Auftritt beim ZMF, als Co-Act des Abends zusammen mit der Real Group, war ein voller Erfolg. Man könnte sagen, dass in diesem Sommer alle unsere Wünsche in Erfüllung gegangen sind.

Die Motivation im Chor war auf einem Höhepunkt. Beflügelt von den Erlebnissen in Aarhus und dem gemeinsam Erreichten stand nun die letzte Hürde des Jahres auf dem Programm: der Deutsche (Landes-)Chorwettbewerb. Natürlich mit dem festen Ziel, die Entscheidung um die Weiterleitung zum Bundeschorwettbewerb für uns zu entscheiden.

Und hier kam für mich die Ernüchterung: Die Anforderungen, die beim Deutschen Chorwettbewerb an die Chöre gestellt wurden, waren so paradox, dass sie uns leider als Chor indirekt ausschlossen.

Foto: Fabio Smitka
Twäng! beim Auftritt im E-Werk Freiburg 2023

Chorwettbewerb ja oder nein?

Inzwischen war uns allerdings klar, dass wir aufgrund der äußerst strengen Vorgaben beim deutschen Wettbewerb keine Chance hatten. Zwei davon waren:

  1. Vorgegeben wurde ein deutsches Volkslied (Es waren zwei Königskinder), das sowohl neu arrangiert als auch einstudiert werden musste.

  2. Es war zwingend notwendig, ein Stück mit „Swing-Phrasierung“ vorzutragen.

Die zweite Anforderung erklärt sich wahrscheinlich dadurch, dass häufig in Wettbewerben, die lange Zeit klassisch geprägt waren, die Genres Pop & Jazz gleichgesetzt werden. Wenn man sich für ein Repertoire entscheidet, das eine ternäre Phrasierung vorsieht, sollte diese korrekt und akkurat ausgeführt werden, aber es ist keineswegs ein Qualitätsmerkmal.Es ist lediglich ein genrespezifisches Merkmal, das besonders im Jazz seine Wichtigkeit besitzt. In der Popmusik finden sich diese Stilelemente zwar auch wieder, sind aber nicht mal ansatzweise so präsent.

Derzeit haben wir als Popchor nicht ein Stück im Repertoire, das in dieses Raster passen würde. Warum auch? Es passte bis dato einfach nicht in unser Profil. Man könnte dieses Problem natürlich lösen, indem man ein neues Stück arrangiert, aber das ist sehr aufwendig.

Die Begründung für die erste Forderung ist mir allerdings ein Rätsel. Was hat ein unbekanntes deutsches Volkslied in einem Wettbewerb zu suchen, in dem es primär um Pop- und Jazzmusik geht? Natürlich gibt es tolle und moderne Arrangements von klassischen Volksliedern, diese sind aber in der Regel anspruchsvoll und wirken oft sehr konstruiert. Ein Pflichtstück so zu wählen, dass es in einer eigenen Bearbeitung präsentiert werden kann, halte ich grundsätzlich für sinnvoll, solange es ins Genre passt.

Für uns hätten diese Anforderungen allerdings folgende Konsequenzen gehabt:

Ich hätte das Volkslied „Es waren zwei Königskinder“, in dem es darum geht, wie besagte Königskinder grausam sterben, als Swing-Stück arrangieren müssen, damit wir im Chor nicht zwei zusätzliche Stücke hätten einstudieren müssen, um beide Anforderungen abzudecken.

Im Sommer 2022 kam uns dann schließlich die Einsicht:

Wir sollten nicht an einem Wettbewerb teilnehmen, ohne unsere Stärken zeigen zu können. Durch diese Bedingungen wären wir allerdings gezwungen gewesen, uns in erster Linie darum zu kümmern, wie wir die Wettbewerbsbedingungen einhalten können, anstatt unsere Stärken zu zeigen. Das Pflichtstück hätte zudem so weit abseits unseres Profils gelegen, dass es direkt nach dem Wettbewerb aus dem Programm geflogen wäre.

Die Prioritäten und Ziele für uns im Chor waren allerdings sehr klar:

  1. Wir wollten ein Repertoire ausarbeiten, das noch besser zu uns passt.

  2. Unsere Arbeit mit Mikrofonen wollten wir intensivieren und verbessern

  3. Das Gesamtkonzept sollte weiter ausgearbeitet werden (Stichwort: Concert Design)

Hätten wir von der Teilnahme am Wettbewerb erwarten können, uns authentisch zu präsentieren, hätten wir es gerne in Kauf genommen, diese Pläne für eine Weile zu vernachlässigen. So aber blieb das Gefühl, sich anpassen zu müssen, um anderen zu gefallen. Der wahre Preis wäre gewesen, dass die Teilnahme unseren Aufwind und unsere Euphorie massiv gebremst hätte.

Ein enormer Zuwachs an Erfahrung und Können ist garantiert, egal welchen Platz man belegt.

Warum überhaupt Wettbewerbe?

Die Entscheidung, nicht teilzunehmen, ist dem Chor dennoch nicht leicht gefallen, da Wettbewerbe für uns grundsätzlich eine große Bereicherung für die Chorarbeit darstellen.

Ich bin davon überzeugt, dass Wettbewerbe einzigartige Möglichkeiten bieten, sich weiterzuentwickeln. Die Gemeinschaft und Freundschaft zwischen den Gruppen profitiert ungemein durch das Netzwerken mit Gleichgesinnten. Gleichzeitig investiert man als Gruppe so viel Zeit und Konzentration auf eine begrenzte Zahl von Stücken. Ein enormer Zuwachs an Erfahrung und Können ist garantiert, egal welchen Platz man belegt.

Deshalb ist meine Devise, an so vielen Wettbewerben wie möglich teilzunehmen. Sie ermöglichen nicht nur, sich weiterzuentwickeln und das Netzwerk an Gleichgesinnten zu erweitern, sondern auch Wertschätzung und Wissen auszutauschen, sowie gemeinsame Projekte zu ermöglichen.

Die Förderung des Erfahrungsaustausches, des Kennenlernens und des gemeinsamen Erlebens muss als zentrale Aufgabe dieser Wettbewerbe aufgefasst werden.

Zum Vergleich:

Beim Landeschorwettbewerb in Baden-Württemberg (2017) war die Kategorie Jazz-Pop eine der größten. 13 Chöre traten allein im Bereich A-Cappella gegeneinander an, sowie weitere vier Chöre mit Trio-Begleitung. Im letzten Jahr hingegen trat in derselben Kategorie nur ein einziger Chor gegen sich selbst an.

Ich bin überzeugt, dass es nicht nur daran lag, dass Corona vielen Chören viel Kraft und Energie geraubt hat, sondern auch an den verqueren und nicht nachvollziehbaren Wettbewerbsanforderungen, die für viele weder umsetzbar noch reizvoll waren. Auch für uns hätte es bedeutet, nur für diesen Wettbewerb ein komplexes Stück zu arrangieren und einzustudieren, welches wir danach sofort wieder aus unserem Repertoire gestrichen hätten.

Ist es nicht bezeichnend, dass ein Laienchor, der kurz zuvor einen der renommiertesten Wettbewerbe Europas gewonnen hat, in Deutschland indirekt ausgeschlossen wird, weil sein musikalisches Profil nicht den Kategorien des größten Deutschen Chorwettbewerbs entspricht? Diesbezüglich wäre es sicherlich interessant zu erfahren, wie viele Chöre aus demselben Grund nicht am Wettbewerb teilgenommen haben.

Denkanstöße für die zukünftige Wettbewerbsgestaltung

Anstatt sich zu sehr damit zu beschäftigen, nach welchen Kriterien Pop- & Jazzchöre am besten bewerten werden können, z. B. durch die Umsetzung von Swing-Phrasierung, um eine faire Bewertung zu gewährleisten, plädiere dafür, die Kategorisierung und Durchführung der Wettbewerbe zu überdenken:

  1. Jazz & Pop gleichstellen. Meiner Erfahrung nach singen die wenigsten Chöre in Deutschland, die den Begriff Jazzchor im Namen tragen, wirklich oder ausschließlich Jazz. Wer Pop singt, muss nicht Jazz singen können und umgekehrt. Um beides zu ermöglichen, wäre eine allgemeingültige, genreübergreifende, populäre Kategorie die Lösung. Und wenn Chöre sowohl Jazz- als auch Pop-Nummern in ihrem Repertoire haben, dann darf das kein Nachteil sein.

  2. Angemessene Pflichtstücke. Pflichtstücke können ein hervorragendes Instrument sein, um Chöre im Wettbewerbskontext miteinander zu vergleichen, sofern sie so ausgewählt werden, dass sie auch zum Genre der Kategorie passen. Ebenso wäre es sinnvoll, ein Lied mit Arrangement vorzugeben, aber eigene Arrangements desselben zuzulassen. So kann gewährleistet werden, dass Chöre, die weder Zugang noch Mittel zu passenden Arrangements oder eigenen Arrangeuren haben, nicht ausgeschlossen werden.

  3. Musikalität sollte im Vordergrund stehen. Anstatt an bestimmten Bewertungskriterien festzuhalten, sollte die Musikalität im Fokus stehen. Natürlich müssen objektive Kriterien wie Rhythmus und Intonation etc. berücksichtigt werden, aber letztlich steht für mich als Musiker immer die Musik im Vordergrund und vor allem das, was sie transportiert: Emotionen. Deshalb sollten auch folgende Fragen bei der Bewertung berücksichtigt werden: Wie schafft es der Chor, Emotionen und Geschichten zu transportieren? Was ist der Gesamteindruck? Auch Outfits und Choreografien können Teil des Konzepts sein und sollten nicht grundsätzlich ignoriert werden.

Natürlich braucht es mehr als ein paar Ideen in einem Blog im Internet, um ein solches Umdenken voranzutreiben. Bewertungskriterien für Wettbewerbe waren schon immer ein heikles Thema. Aber die Erfahrung in Aarhus hat mir gezeigt: Es geht auch anders.

Lass uns connecten

Neudeutsch für „in Kontakt treten“.

Ich bin unter @adriangolder in allen sozialen Netzen zu finden oder über die folgenden Links. Auch gerne per Mail unter [email protected] oder telefonisch und Messenger unter +49 176 2295 6705.

newsletter-portrait.jpg
Mein NewsLetter

Jede Woche etwas
besser singen

Abonniere meinen Newsletter, um zu lernen, wie du besser wirst, indem du deinen Perfektionismus begräbst. Bespickt mit Infos und Gedanken rund um die Themen Perfektionismus, A-Cappella, Gesang & Chor.

Überraschung, aber diese Seite verwendet Cookies. Dazu zählen notwendige Cookies (z.B. für eine sichere Anmeldung) sowie Cookies zu Personalisierung, Marketingzwecken und zur Erhebung statistischer Daten. Sie helfen mir, diese Webseite weiter zu verbessern. Klicke auf „Alle auswählen", um allen Cookies zuzustimmen oder verwalte unten deine Auswahl. Weitere Informationen findest du in meiner Datenschutzrichtlinie.
Diese Cookies sind notwendig um die korrekte Nutzung dieser Webseite zu gewährleisten. Dabei werden keine personenbezogenen Daten gespeichert bzw. an Dritte weitergegeben.
Auf dieser Seite werden Services von Drittanbietern wie z.B. YouTube-Videos eingebunden. Diese sammeln Daten und setzen Cookies, auf die ich keinen Einfluss habe.
Marketing-Cookies werden verwendet um anonymisierte Statistiken über die Nutzung der Seite zu erheben um diese zu verbessern.