Stimmtechnik
5 min read

Versteckte Stolpersteine im Gesang

Verfasser
Adrian Goldner
Veröffentlicht am
10.4.24

Hast du mal beobachtet, wie wir uns in Chören, Ensembles oder auch im Unterricht über Vokale unterhalten?

„Singt diese Stelle bitte mit einem offenen und langen A, nicht so geschlossen“

„Lasst uns gemeinsam ein O nehmen. Nein, so wie ich es vormache, etwas runder und nicht ganz so dunkel.“

„Irgendwas stimmt hier nicht, singen wir alle die selben Vokale? Lasst uns mal den Akkord aushören und vergleichen…“

Diese unkonkrete Form der Kommunikation über Vokale ist mir zwar schon früh aufgefallen, aber dass sie ein Problem darstellt, erst viel später.

Fast in jedem Coaching oder Workshop mit Chören oder Ensembles, die noch nie bei mir waren, stelle ich die folgende Frage:

„Wo bilden wir eigentlich in unserem Körper Vokale?“

Die Antworten könnten vielfältiger nicht sein:

  • „Im Kopf“
  • „Im Rachen“
  • „Mit den Lippen“
  • „Mit dem Kehlkopf“
  • „Mit der Brust“
  • „Mit der Zunge“

Auch wenn nicht alle Antworten grundsätzlich falsch sind, zeigt diese Liste doch ziemlich eindeutig, dass das Wissen darüber, wie wir eigentlich Vokale bilden, nicht besonders verbreitet ist.

Und das selbst bei Sänger:innen und Chorleiter:innen. Was mich immer wieder erstaunt, da die korrekte Verwendung von Vokalen häufig darüber entscheidet, ob wir technisch gesund und sauber singen oder nicht. Genau darüber geht es in der heutigen Ausgabe.

Vokalverwirrung

Während ich klassischen Gesangsunterricht an der Musikhochschule genoss, führte mit mir mein damaliger Gesangsleher eine bestimmte Übung durch, die ich heute den „Vocal-Slide“ nenne. Darin geht man auf einem Ton alle Hauptvokale (AEIOU) durch und verbindet diese, sodass keine harten Übergänge mehr zu hören sind.

Ich fand die Übung damals irgendwie gut, ohne dass ich wusste, was sie konkret bewirkte und übernahm sie kurzerhand einfach in die Einsing-Routine meines damals neuen Chores Twäng!.

Wie sich herausstellt, war das ein purer Glücksgriff.

Ursprünglich war die Übung gedacht, den Klang der Stimme über alle Vokale hinaus anzugleichen. Aber im Chor bewirkte sie zusätzlich, dass sich alle Sänger:innen synchronisieren mussten, um die selben Vokalübergänge zu singen.

Ich bin überzeugt, dass diese Übung, die ich nur zufällig und aus Mangel an Ideen übernommen habe, einen nicht geringen Anteil daran hatte, dass wir so schnell einen einheitlichen Klang gefunden haben.

Den Aha-Moment, warum das so war, hatte ich 2021 in Kopenhagen während meiner CVT-Ausbildung.

Wer sich ein wenig mit der Complete Vocal Technique auskennt, weiß, dass den verschiedenen Vocal Modes (Eine differenziertere Erklärung für Kopf- und Bruststimme) bestimmte Regeln zugrunde liegen. Unter anderem beinhalten diese Regeln, dass nur ganz bestimmte Vokale nutzbar sind.

Es ergibt daher Sinn, dass im Institut Vokale gelehrt werden.

Doch auch hier musste ich feststellen, dass notierte Vokale und gesprochene Vokale einer sehr großen Interpretationsspanne ausgesetzt waren. Besonders dann, wenn man es mit Teilnehmenden aus Nationen aus aller Welt zu tun hat. Hinzu kommt, dass in Dänemark auf Englisch gelehrt wird und dadurch die Aussprache naturgemäß ebenfalls eingefärbt ist.

Und so beobachtete ich (auch bei mir), wie über einen Vokal geredet aber ein völlig anderer gesungen wurde.

„Gut“, dachte ich mir. „Das ist halt der dänische Akzent, den man sich hier an manchen Stellen rausdenken muss.“

Als es plötzlich an einem dieser Kopenhagen-Tage „klick“ machte, während ich mich mit einer Kollegin über etwas vermeintlich völlig anderes unterhielt.

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Zungenvokale vs Lippenrundungen

Zwar lehrt die CVT, dass es bei den Regeln der Vocal Modes vor allem um die Zungenvokale geht, lässt aber das Problem aus, dass unsere Aussprache beim Bilden von Vokalen ebenfalls die Lippenrundungen mit einbezeiht.

Das bedeutet, dass wir automatisch beim Sprechen eines „u“s (wie in Uhu) die Mundwinkel spitzen.

Das Runden der Mundwinkeln ändert aber maßgeblich die Farbe des erzeugten Klangs.

Nutze ich also beim sprechen über Vokale aktiv meine Mundwinkel (was wir alle automatisch, je nach Muttersprache und Dialekt, tun), so verfärbe ich den zugrundeliegenden Zungenvokal. Das bringt das Ergebnis mit sich, dass es verschiedenste Variationen von Vokalkombinationen nur eines einzelnen Vokals gibt.

Trennung von Zungenvokalen und Lippenbewegung

Die Lösung ist ziemlich simpel und setzt eigentlich nur das konsistent um, was ohnehin durch die CVT beschrieben wird:

Unterhalten wir uns beim Singen über Vokale, sollten wir trennen zwischen Zungenvokalen (oder Grundvokalen) und Lippenrundungen (also spitze ich meine Lippen = Rund, oder nicht = unrund).

Denkt man es von der anderen Seite, ist auch klar, warum der Stimmklang einheitlicher ist, wenn wir auf weniger starke Lippenrundung achten. Abgesehen davon, dass dadurch der Grundvokal nicht immer eindeutig ist, ändern wir so von Vokal zu Vokal auch die Klangfarbe.

Probier es aus

Wenn du dich gerade fragst, wovon ich hier überhaupt schwafel, probier selbst mal aus:

  1. Lies den folgenden Satz einmal normal durch und achte darauf, wie du deine Lippen dabei bewegst. Idealerweise vor einem Spiegel.
  2. Nimm dann die Rolle eines Bauchredners ein und Sprich den selben Satz erneut, nur gänzlich ohne Lippenbewegungen.

“Sieben singende Sänger, sonor und stimmig, singen sacht, süß, seltene Silben, sicher in saubere Sequenzen.”

  1. Um das Phänomen noch besser zu isolieren, spreche einmal alle Grundvokale A, E, I, O und U, ohne dass du deine Lippen dabei verwendest.

Vokale definieren

Die anfangs beschriebene Übung hat es eigentlich schon gezeigt. Es gibt nicht nur die 5 Grundvokale (+ Umlaute Ö, Ä und Ü im Deutschen), sondern eine unendliche Vielfalt und Kombinationsmöglichkeiten an unterschiedlichsten Vokalvariationen.

Wie schafft man es jetzt, Klarheit und Struktur in dieses schier bodenlose Fass zu bekommen?

Wenn es um die Wissenschaft rund um die Sprache geht, ist die Linguistik die richtige Ansprechpartnerin.

Hier werden Zungenvokale dadurch definiert, wie die Position des Zungenrückens im Mund liegt. Ist der Zungenrücken oben, liegt er an den Backenzähnen an, ist er unten, liegt logischerweise kein Kontakt zu den Backenzähnen vor.

Außerdem kann der Zungenrücken nach vorn oder nach hinten gebeugt sein.

Vor einiger Zeit bin ich hier auf ein interessantes und praktisches System gestoßen:

Das Vokaltrapez

Das Vokal-Trapez ist eine Veranschaulichung der IPA (International Phonetic Association), wo welche Vokale im Mund liegen. Das Trapez beschreibt hierbei die Position des Zungenrückens. In der folgenden Abbildung siehst du das Trapez, wie es vereinfacht im Mundraum liegt.

Die Vokalschreibweise ist in Lautschrift (keine Angst, du musst nicht fließend Lautschrift lesen können, um zu singen).

Unter diesem Link, kannst du dir das Trapez genauer anschauen, inklusive Soundbeispiele der jeweiligen Vokale: https://www.ipachart.com/

Der Punkt ist: Anstatt in Lautschrift zu kommunizieren, ergibt es Sinn, zu wissen, an welcher Position die Zunge bei den Hauptvokalen AEIOU liegt und sich dann statt über Vokalnuancen über die Position der Zunge zu unterhalten.

  • Wenn wir also über ein U reden, dann liegt die Zunge oben hinten.
  • Wenn wir über ein O reden, liegt sie mittig-Oben hinten.
  • Wenn wir über ein I reden, liegt sie oben vorn.
  • Wenn wir über ein E reden, liegt sie mittig-oben vorn.
  • Wenn wir über ein A reden, liegt sie vorne unten.

usw.

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Vocal Modes + Vokale

Wie bereits erwähnt, hat die Wahl des korrekten Vokals große Auswirkungen auf die entsprechende Stimmtechnik.

Da ich autorisierter CVT Coach bin, nutze ich diese Terminologie. Das Prinzip lässt sich aber auf jede Technik übertragen.

Die Vocal Modes in der CVT unterliegen gewissen Regeln: Tonhöhen, Lautstärken,

Klanggefühl und eben die Vokale.

Einige Vocal Modes sind nur mit ganz bestimmten Vokalen singbar.

Grob auf die Lautstärke vereinfacht kann gesagt werden, dass

  • Die Vokale A (aber, unten+vorne) und I (igitt, oben+vorne) nur bis zu einer mittleren Lautstärke (in mittlerer Lage) singbar sind.
  • Die Vokale OH (oft, mittig-unten+hinten), EE (echt, mittig-unten+vorne), Ä (ätsch, mittig-weiter-unten+vorne), E (eber, mittig-oben+vorne) und Ö (öfter, oben-zentral) lassen sich bis zu sehr hohen Lautstärken singen (CVT: Edge + Overdrive)
  • U (uhu, oben+hinten) und fast alle vokale, die mittig im Trapez liegen, lassen sich lauter aber nicht sehr laut singen (CVT: Curbing)

Du siehst, sich einigermaßen sicher beim Singen durch die Phrasen und Sätze zu navigieren, erfordert einiges an Fingerspitzengefühl – oder besser gesagt Zungenspitzengefühl?

Welche Auswirkungen das auf die Aussprache beim Singen hat, sprengt den Umfang dieses Artikels, der zugegebenermaßen schon viel zu umfangreich geraten ist. Es sei nur so viel gesagt, dass sich die Aussprache glücklicherweise sehr weit dehnen lässt, ohne dass es negativ auffällt. Somit haben wir zum Glück einige Möglichkeiten, durch das Vokaldickicht zu navigieren.

Wofür das gut ist?

Gute Frage.

Wir nutzen Sprachen intuitiv richtig. Auch beim Singen.

Wenn du beim Singen selten Schwierigkeiten hast, kannst du das ganze hier auch einfach vergessen.

Hast du aber das Gefühl, dass du manche deiner Töne einfach nicht so kriegst, wie du sie möchtest oder dass dein Sound nicht sonderlich einheitlich ist, kann ich dir nur ans Herz legen, sich ein wenig mit der Materie zu befassen.

Taktik

Vokal-Sensibilität erhöhen

Damit du mehr Kontrolle und Klarheit darüber hast, was du beim Singen eigentlich machst, ist es sinnvoll, dass du ein Gefühl dafür entwickelst, was deine Zunge eigentlich die ganze Zeit macht.

Beobachte im Alltag, wie du deinen Zungenrücken bewegst, wenn du dich z.B. unterhältst. Experimentiere mit verschiedenen Zungenpositionen und versuche, die Vokale basierend auf dem Trapez nachzumachen.

Um das möglich zu machen, benötigen wir außerdem eine Unabhängigkeit von Zunge und Mundwinkeln.

Eine Methode ist es, wie weiter oben schon beschrieben, beim Reden die Rolle eines Bauchredners einzunehmen.

Auch die folgende Trainingsmethode hilft dir, diesem Ziel näherzukommen.

Trainingsmethode

Vowel-Slide

  1. Such dir einen Ton, der für dich angenehm zu singen ist.
  2. Fange an, auf einem geschlossenen „ng“ zu singen (wie bei „Achtung).
  3. Öffne dann die Zunge zum Anfangsvokal A (aber)
  4. Fange dann an, einen Vowel-Slide durchzuführen und dabei alle Grundvokale mitzunehmen (AEIOU)
  5. Achte dabei darauf, dass sich deine Mundwinkel nicht bewegen. Lasse sie am besten ganz entspannt. Experimentiere dann mit verschiedenen Mundwinkelpositionen bei allen Vokalen (Lächeln vs. Schnute)

Jetzt bist du dran.

Denkst du, du hast jetzt ausreichend Wissen, um das gelernte in die Tat umzusetzen?

Nimm dir jetzt jeden Tag 5 Minuten Zeit und führe die Vowel-Slide-Übung durch.

Schreibe mir, wie es dir dabei erging und was das mit dir getan hat. Ich freue mich über Feedback und Anregungen für die nächsten Newsletter-Ausgaben.

In der kommenden Ausgabe reden wir darüber, wie du am besten Gesang üben kannst.

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