Artikel · Interpretation und Bühnenpräsenz im Chor

Präsenz

Präsenz bezeichnet die natürliche Ausstrahlungskraft („Aura“) einer Person. Im Aufführungskontext bezieht Präsenz zusätzlich Themen wie Authentizität, Natürlichkeit und Emotionalität mit ein.

  • 06.05.2024
  • 3 Min

Definition: Präsenz bezeichnet die natürliche Ausstrahlungskraft (”Aura”) einer Person. Im Aufführungskontext bezieht Präsenz zusätzlich Themen wie Authentizität, Natürlichkeit und Emotionalität mit ein. Präsenz bedeutet, bei aller unklarer Definitionslage, im hier und jetzt zu sein im meditativen Sinne aber auch im körperlichen.

Zugegeben, der Grund, weshalb Präsenz so schwer zu definieren und zu greifen ist, ist der, dass er als Begriff mit verschiedenen Bedeutungen, je nach Kontext, aufgeladen ist, ähnlich z.B. wie beim Begriff „Kopfstimme“.

Wortdefinition

Der Begriff Präsenz beschreibt erst einmal nur die „Anwesenheit und Gegenwart in einer jeweils räumlichen sowie zeitlichen Sichtweise“. Ist etwas präsent, ist es da. Das Induzieren verschiedener Kontextebenen, führt dann dazu, dass der Begriff nicht konsistent für dieselbe Bedeutung verwendet wird.

Wo sich die Bedeutungen anfangen zu vermischen, ist, wenn man über Präsenz von Personen redet.

Wikipedia selbst ist mit der Präsenz-Definition überfordert. So wird im Unterkapitel Präsenz (Person) erklärt, was Präsenz bezogen auf die Ausstrahlung einer Person sein, während im Kapitel Bühnenpräsenz gänzlich infrage gestellt wird, was der Begriff in diesem Kontext überhaupt bedeuten soll.

Deshalb möchte ich kurz auf die verschiedenen Bedeutungsebenen des Präsenzbegriffs eingehen und die Relevanz für unser Präsenz-Verständnis als Künstler eingehen.

Bedeutungsebenen

Meditation

In der Meditation bezeichnet Präsenz den Zustand des vollständigen, bewussten Daseins im gegenwärtigen Moment. Es geht darum, ganz im Hier und Jetzt zu sein, ohne sich von Gedanken über die Vergangenheit oder Zukunft ablenken zu lassen. Es bedeutet, alles wahrzunehmen, was gerade passiert – Gefühle, Gedanken, Körperempfindungen und Umgebung – ohne zu werten oder zu reagieren. Präsenz ist eine Art der „Vollkommenheit im Moment“.

Erscheinung & Kommunikation

Hier wiederum geht es um die Fähigkeit oder Eigenschaft durch Ausstrahlung, Selbstbewusstsein und Ausdruckskraft, die Aufmerksamkeit und das Interesse anderer Menschen zu wecken und zu halten. Präsenz führt dazu, dass eine Person ihre Gedanken, Gefühle und Absichten klar und überzeugend kommunizieren kann, oft ohne viele Worte zu verwenden. Es geht darum, authentisch und selbstsicher zu wirken, sodass andere Menschen sich natürlich zu dieser Person hingezogen fühlen.

Bühne

Im Bühnenkontext wird von Präsenz gesprochen, wie ein Schauspieler oder eine Performance die Bühne „füllt“. Es ist die Fähigkeit, die Aufmerksamkeit des Publikums zu fesseln und eine Verbindung herzustellen, oft bevor überhaupt gesprochen oder gesungen wird.

Diese Art von Präsenz kombiniert physische, emotionale und psychologische Aspekte: Körperhaltung, Bewegung, Blickkontakt, emotionale Ausstrahlung und die Fähigkeit, die Rolle authentisch und überzeugend zu verkörpern. Ein Performer mit starker Bühnenpräsenz kann das Publikum in die Handlung hineinziehen, sodass es sich vollkommen auf die Darbietung einlässt.


Es gibt sicherlich noch weitere Kontextebenen, in denen wir den Begriff der Präsenz beleuchten können. Mir erscheinen diese drei aber am wichtigsten, da sie mir häufig begegnen und oft miteinander verwechselt werden. Zugegeben, die drei Ebenen überschneiden sich sicherlich. Deshalb möchte ich im Folgenden darauf eingehen, wie wir als Künstler damit umgehen können.


Präsenz in der Praxis

Was davon ist denn jetzt gemeint, wenn wir von Präsenz im Bühnenkontext reden?

Ganz einfach: alles.

Der meditative Ansatz, die Fähigkeit wertungsfrei im Hier und Jetzt zu sein, trägt dazu bei, dass sich unsere Erscheinung nach außen hin verändert. Sowohl in der Kommunikation als auch auf der Bühne ist es entscheidend, dass wir uns nicht ablenken lassen. Ein klarer Fokus und eine wache Aufmerksamkeit sind im Alltag und auf der Bühne von entscheidender Bedeutung.

Die Ebenen der Kommunikation und der Bühne unterscheiden sich insofern, als wir im Kontext auf Schauspiel und Musik in der Regel reproduzieren und nicht zwangsläufig unsere Sichtweise darlegen. In beiden Fällen ist es aber von essenzieller Bedeutung, Authentizität und Selbstsicherheit auszustrahlen.

Im Grunde kann man es so zusammenfassen: Wir sind im Moment mit uns im Reinen und verurteilen keine unserer Handlungen oder Emotionen. Dadurch können wir die volle Aufmerksamkeit auf unsere aktuelle Handlung lenken, die von unseren Überzeugungen und Emotionen geführt wird.

  • Durch das “Sein im Hier und Jetzt” tragen wir unsere emotionale Gefühlslage nach außen
  • Diese Gefühlslage ist echt und nicht gespielt
  • Wir lassen uns leiten von unseren Gefühlen und Empfindungen und verstecken uns nicht – auch nicht körperlich
  • Die Gefühle und Empfindungen können provoziert und gesteuert und trotzdem echt sein
  • Das Zeigen unserer Gefühle vermittelt Verletzlichkeit und damit auch Authentizität und Selbstsicherheit

Paradoxerweise ist das Zeigen von Schwäche und Verletzlichkeit ein Zeichen von Stärke und Selbstsicherheit. Indem wir wertungsfrei unsere Gefühle zulassen, vermitteln wir Authentizität. Das bedeutet aber nicht, dass es keine persönlichen Grenzen gibt. Nicht alles ist dafür bestimmt, nach außen zu treten und so muss jede Person für sich selbst entscheiden, wo ihre „innere Transparenz“ aufhört und wo sie anfängt.

Action-Steps

Präsenz auf der Bühne, aber auch im Alltag ist zweischichtig: Wir müssen unser Denken und unsere Überzeugungen (Mindest) anpassen, um präsent sein zu können. Gleichzeitig müssen wir Präsenz aktiv üben, genauso wie man Meditation üben kann oder Skalen.

Übungen & Tipps

  1. Regelmäßiges Meditieren Eine Meditations-Routine zu entwickeln, ist nicht nur für die Bühne erwiesenermaßen von Vorteil und sehr gesund für die Psyche. Nimm dir täglich ein paar Minuten Zeit, um zu meditieren. Nutze Apps oder andere Anleitungen, die dich durch so eine Meditation führen.
  2. Blickkontakt halten Wann immer du Blickkontakt zu (fremden) Personen hast, versuche, das unangenehme Gefühl, das du ab einer gewissen Zeit hast, in die Länge zu ziehen. Such dir z.B. von der Bühne aus jemanden im Publikum aus, den du besingst und halte den Blickkontakt ein paar Sekunden länger als sonst.
  3. Bauchatmung Erinnere dich bei der Performance wiederholt daran, tief in den Bauch zu atmen. Beim Singen, aber auch, wenn du Pause hast. Dadurch vergewisserst du dich, dass du mit deinem Körper geerdet bleibst und nicht etwa deinen Oberkörper anspannst und dich möglicherweise „versteckst“.
  4. Übe vor dem Spiegel Stell dich vor den Spiegel und spiele mit verschiedenen Ebenen des „Versteckens“. → ToDefine
  5. Nimm deine Performance auf Schau dir deine Performance im Video an und beobachte, ob du präsent genug bist. Versuche Muster zu finden, wann du deine Präsenz verlierst und wann du sie besonders hast.
  6. Lass deine Emotionen führen Übe das Singen von Songs und lass dich von deinen Emotionen führen. Stell dir vor, deine Emotionen führen ein Eigenleben und du überlässt ihnen zu 100% die Zügel. Versuche den meditativen Ansatz aus 1) anzuwenden und dich nicht von anderen Gedanken ablenken zu lassen.

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