Artikel · Interpretation und Bühnenpräsenz im Chor
Subtext statt Textwiedergabe: ausdrucksstark singen im Chor
Ausdrucksstark singen im Chor: Warum eine deutliche Aussprache nicht reicht und wie eine kurze Pause vor dem ersten Ton das Gefühl unter dem Text holt.
Einmal habe ich den Anfang von „Yellow“ vorgelesen, zuerst ganz ohne Emotion, einfach abgelesen. Dann habe ich kurz innegehalten, mir vorgestellt, dass das für mich ein melancholischer Song ist, und dieselben Worte noch einmal gesagt. Über die Artikulation oder die Phrasierung habe ich dabei so wenig wie möglich nachgedacht. Danach haben es die Teilnehmenden selbst probiert. Es sind vier Wörter, man könnte meinen, man liest einfach nur ab, und trotzdem hat es einen großen Unterschied gemacht.
Den Moment vor dem ersten Ton halte ich für einen der wichtigsten beim Singen. Der Text ist das, was auf dem Blatt steht. Der Subtext ist das Grundgefühl darunter.
Was ist Subtext beim Singen?
Ich stelle die Frage so: Was ist der O-Ton des Songs? Was könnte zwischen den Zeilen stehen? Welches Gefühl könnte den Song in einem Wort am besten beschreiben? Der Subtext steht also nicht im Text. Die Bedeutung zwischen den Zeilen füllen wir nach unserem eigenen Ermessen.
Musik hat nicht immer nur einen inhaltlichen Wert, sondern auch einen sehr starken emotionalen. Wenn ein Song dein Hochzeitssong ist, verbindest du damit nicht das, was im Text steht, sondern die Situation, an die er dich erinnert.
Im Chor kommt etwas dazu. Du musst dir nicht die ganze Zeit vorstellen, was der Text gerade in dem Moment aussagt, in dem du ihn singst. Bei einer Nebenstimme, die vielleicht auf „U“ singt, geht das sowieso nicht. Es geht um ein Grundgefühl, einen Ausdruck, den du die ganze Zeit fühlst. Bei Instrumentalmusik gibt es ja auch keinen Text, und trotzdem ist da ein Gefühl, eine Grundstimmung.
Warum reicht korrekte Aussprache nicht aus?
Für den Ausdruck ist es zweitrangig, wie du ein Wort aussprichst, wie du phrasierst oder wo du betonst. Du kannst einen Satz sogar total monoton sagen und trotzdem etwas dabei fühlen und sehr viel Ausdruck hineinlegen.
Ob ein Chor verständlich singt und die Betonung eines Satzes in die gesungene Phrase mitnimmt, ist eine eigene Baustelle. Mehr Gesicht bringt auch keinen Ausdruck: Eine aufgesetzte Mimik ist eine Maske über dem Gefühl und blockiert dazu die Stimme.
Muss der ganze Chor dasselbe fühlen?
Wenn ich im Chor an Ausdruck arbeite, klären wir zuerst die Emotion an sich. Dabei geht es gar nicht darum, die klassische Frage zu stellen, was dieser Song aussagt. Man muss auch nicht unbedingt alle das Gleiche fühlen und das Gefühl benennen. Die deutsche Sprache ist sehr poetisch, aber Gefühle sind hochkomplex, und wenn wir nur „traurig“ sagen, ist das sehr undifferenziert. Wichtiger finde ich, dass man sich einigt, dass man fühlt, und wie stark die Emotion ist.
Aufzuschreiben, was der Song sagt und was wir fühlen müssen, habe ich schon viel ausprobiert. Es funktioniert bis zu einem gewissen Grad, war aber bisher nicht so fruchtbar. Man muss sich dann immer etwas ganz Konkretes vorstellen, eine Szene, irgendwelche Personen, die im Kopf weiterlaufen, und dann hat man schon wieder zu viele Gedanken gleichzeitig. Wörter verschleiern immer ein bisschen die Emotion, die wirklich dahintersteckt. Wenn ich sie mit Worten beschreibe, ist das immer eine Abstraktion von dem, was ich eigentlich spüre.
Und das eine Wort aus dem Story Staging?
Beim Story Staging baust du dir mit sieben Fragen eine Geschichte um den Song, und die letzte fragt nach einem Wort für das Gefühl. Das Wort ist dort deine persönliche Erinnerung, falls du beim Üben die Richtung verlierst. Ein Wort, auf das sich der ganze Chor einigt, ist es nicht.
Es geht nicht darum, ob es happy oder traurig ist. Stell dir vor, wie sich das jetzt anfühlen muss. Das kann auch jedes Mal anders sein.
Übung: Die Pause vor dem ersten Ton
Ziel Vor dem Anfang eines Stücks ins Gefühl kommen, statt es mitten im Song zu suchen.
- Nimm den Anfang eines Songs, an dem du gerade arbeitest. Die ersten paar Wörter reichen.
- Sprich sie einmal ganz normal, ohne Emotion, so als würdest du sie ablesen.
- Mach eine Pause. Versuch, alles zu entspannen, und konzentrier dich nur darauf, wie sich dieser Anfang des Stücks anfühlt.
- Sprich die Worte noch einmal, ohne nachzudenken. Wie du betonst oder phrasierst, ist egal.
- Nimm dir dieselbe Pause, bevor du den Song anfängst zu singen.
Das kannst du mit dir allein machen und genauso im Chor. Bei einer Ballade würde ich mir mehr Zeit nehmen, aber auch vor einer groovigen Nummer lohnt es sich, kurz hinzuhören und in sich zu gehen.
Was bewirkt diese Übung?
- Du schaffst dir die Voraussetzung, überhaupt in den Song hineinzukommen. Wenn du schon angefangen hast, ist es total schwer, die Kurve noch zu kriegen.
- Du musst die Emotion nicht aufdröseln. Sobald man das macht, wird es wieder zu verkopft.
Was Pianist:innen vor dem ersten Ton machen
Schau dir an, was eine Pianistin oder ein Pianist auf der Bühne macht, bevor der erste Ton kommt: sich konzentrieren und sich vorstellen, wie sich der Anfang anfühlt. Bei Instrumentalist:innen sieht man das gut, im Gesang vergisst man es gern. Ich habe lange Geige und Klavier gespielt und stand mit sieben auf der Bühne. Das ist das Einzige, was sich wirklich durchgezogen hat: Man legt nicht einfach los, sondern nimmt sich vorher kurz Zeit, um sich emotional einzustellen.
Die Schwierigkeit ist danach, das Gefühl beizubehalten. Manchmal fällt man wieder raus, davor ist man nie gefeit. Das nennt man dann Präsenz. Wenn ich abdrifte, hilft mir Dynamik: Konzentriere ich mich auf sie, bin ich wieder voll in der Musik. Gut geübte Musik läuft so leicht auf Autopilot, weil sie im Muskelgedächtnis sitzt.
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Häufige Fragen
Was bedeutet Subtext beim Singen?+
Der Subtext ist das, was zwischen den Zeilen steht, also das Gefühl unter dem Wortlaut. Er steht nicht im Text, du füllst ihn selbst. Deshalb kann auch eine Nebenstimme, die nur auf einem Vokal singt, mit Ausdruck singen.
Reicht eine deutliche Aussprache für Ausdruck?+
Nein. Wie du aussprichst, phrasierst oder betonst, ist für den Ausdruck zweitrangig. Du kannst einen Satz monoton sagen und trotzdem viel Ausdruck hineinlegen, wenn du dabei etwas fühlst.
Muss sich ein Chor auf eine Deutung des Songs einigen?+
Nicht unbedingt. Nicht alle müssen dasselbe fühlen und das Gefühl benennen. Wichtiger ist, dass ihr euch einigt, dass ihr fühlt, und wie stark die Emotion ist.
Wann komme ich beim Singen ins Gefühl?+
Am besten vor dem ersten Ton. Eine kurze Pause vor dem Anfang schafft die Voraussetzung, mitten im Song ist es schwer, die Kurve noch zu kriegen.
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