Artikel · Interpretation und Bühnenpräsenz im Chor
Videoanalyse: dich selbst sehen lernen
Videoanalyse für Bühnenpräsenz: warum dein Gefühl auf der Bühne nur die halbe Sicht ist und worauf du achtest, wenn du dich im Video ansiehst.
Sich selbst aufzunehmen ist die härteste Schule von allen, weil man sich danach angucken muss. Das will man eigentlich nicht. Aber wenn man es macht, kann man sehr viel daraus lernen, vor allem über die eigene Präsenz.
Auf der Bühne merkst du, wie es sich anfühlt. Wie es aussieht, merkst du dort nicht.
Warum reicht das eigene Gefühl nicht?
Wenn ich über Interpretation nachdenke, setze ich eine Art Zweierbrille auf. Die eine Frage ist: Wie stehe ich auf der Bühne, und fühle ich mich wohl mit dem, was ich da präsentiere? Die andere: Wie kommt das beim Publikum an?
Ganz trennen kann man die beiden nicht, aber man kann von der einen auf die andere schließen. Wenn ich mich auf der Bühne nicht wohlfühle, stimmt höchstwahrscheinlich auch nicht überein, was ich singe und was außen ankommt. Das Publikum nimmt Körpersprache, Mimik und Gestik sehr differenziert wahr. Meistens nicht bewusst, eher als unterbewusstes Gefühl, dass sich die Person da oben nicht richtig wohlgefühlt hat.
Während du singst, hast du nur die erste Brille auf. Das Video gibt dir die zweite.
Und dann ist da noch der Ton: Deine Stimme klingt im Video anders, als du sie von innen hörst. Ich kann dir versprechen, dass diese Diskrepanz nie ganz weggeht. Man gewöhnt sich aber daran. Wenn du dich öfter aufnimmst, erwartest du sie irgendwann, und dann ist es kein Schock mehr.
Worauf achte ich im Video?
Ich schaue zuerst nach Bewegungen, die ich selbst gar nicht wahrgenommen habe und die komisch aussehen. Dann, ob es wirklich frei wirkt oder nicht. Und vor allem, wo ich präsent war und wo nicht. Eine einzelne Stelle sagt dabei wenig. Interessant wird es, wenn du ein Muster findest: wann du deine Präsenz verlierst und wann du sie besonders hast.
- Die Augen. Es gibt Leute, die beim Singen die ganze Zeit die Augen zumachen, und irgendwann ist das Publikum weg. Zurückziehen darf man sich, wenn es einen Grund gibt. Den Blickkontakt übst du, indem du den Blick auf eine Person oder einen Punkt im Raum einige Sekunden länger hältst als gewohnt.
- Die Arme. Was du mit ihnen machst, ist mir ehrlich gesagt egal. Lass sie hängen oder dirigier dich selbst, beides funktioniert. Wenn die Arme im Video komisch wirken, liegt das meistens daran, dass du dich generell unsicher gefühlt hast. Dann ist die Unsicherheit das Thema, nicht der Arm.
- Das Versteck. Ein Notenblatt in der Hand, ein Klavier, hinter dem man steht. Sobald du etwas in der Hand hast, bist du dort und nicht beim Publikum oder bei der Musik. So ein Versteck kompensiert Unsicherheit, auf Kosten der Musik.
Mir passiert es auch, dass ich im Konzert abdrifte. Die Frage ist dann, an welcher Stelle das passiert und ob es noch auffällt. Das kann dir das Video beantworten.
Übung: Nimm deine Performance auf
Du brauchst dafür nur dein Smartphone.
Ziel Muster finden, wann du deine Präsenz verlierst und wann du sie besonders hast.
- Nimm eine Probe oder einen Auftritt mit dem Smartphone auf.
- Schau dir das Video ganz an, auch wenn du es eigentlich nicht willst.
- Achte auf Bewegungen, die du nicht wahrgenommen hast, und darauf, ob es frei wirkt.
- Notier dir die Stellen, an denen du präsent warst, und die, an denen du es nicht warst.
- Wenn du dich an eine Stelle erinnerst, an der du gedanklich weg warst, prüf, ob man es sieht.
Was bewirkt die Übung?
- Du bekommst zu deiner eigenen Sicht die des Publikums dazu.
- Du findest Muster statt einzelner Ausrutscher.
- Wie du von außen klingst, wird erwartbar.
Häufige Fehler
- Das Video nach technischen Fehlern absuchen. Ein Handyvideo fängt die Atmosphäre eines Abends kaum ein, dafür hörst du die schrägen Töne umso deutlicher. Bei einem Sänger, der mich im Konzert hypnotisiert hatte, war in meinen Handyvideos die Magie verloren, weil live die Emotion alles andere überstrahlt hatte.
- An den Armen herumkorrigieren, statt zu fragen, woher die Unsicherheit kommt.
Was, wenn sich die Änderung falsch anfühlt?
Vor einigen Jahren habe ich mit meiner Band intensiv an Bewegung gearbeitet. Ich hatte immer das Gefühl, ich bewege mich schon auf der Bühne, aber ich fühle mich nicht so richtig wohl damit. Also haben wir eine halbe Stunde lang ein und dieselbe Bewegung gemacht, und ich habe mich damit vor einen Spiegel gestellt. Am Anfang hat sich das richtig schlecht angefühlt. Heute fühlt es sich mega an, und ich kann es gar nicht mehr anders machen.
Das Video zeigt dir, wo etwas nicht stimmt. Die Änderung fühlt sich danach vielleicht erst mal falsch an, und das heißt noch nicht, dass sie falsch ist. Wir üben ja auch Stellen, die zu schwer für uns sind, damit wir uns hinterher damit wohlfühlen. Die Aufgabe ist, so lange zu üben, bis es sich gut anfühlt.
Und im Chor?
Vor dem Spiegel üben kann jede:r für sich. Aber es muss sich am Ende in der Gruppe gut anfühlen, und wie ein Stück beim Publikum ankommen soll, entscheidet der Chor als Chor. Eine Aufnahme der Probe zeigt euch, ob das außen auch so ankommt. Auch als Chorleiter:in siehst du in deinen Probenvideos, ob du dich versteckst, mit der Stimme oder hinter dem Klavier.
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Häufige Fragen
Brauche ich besondere Technik für die Videoanalyse?+
Nein, dein Smartphone reicht.
Warum klingt meine Stimme im Video so fremd?+
Weil du sie von innen anders hörst als von außen. Diese Diskrepanz geht nie ganz weg, aber wenn du dich öfter aufnimmst, erwartest du sie, und sie ist kein Schock mehr.
Worauf soll ich im Video achten?+
Auf Bewegungen, die du selbst nicht wahrgenommen hast, darauf, ob es frei wirkt, und vor allem darauf, wo du präsent warst und wo nicht. Such nach Mustern, nicht nach einzelnen Fehlern.
Soll ich im Video auch auf schiefe Töne achten?+
Für die Präsenz nicht. Ein Handyvideo zeigt dir technische Fehler deutlicher, als sie im Moment gewirkt haben, und verliert dafür viel von der Atmosphäre.
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