Artikel · Interpretation und Bühnenpräsenz im Chor

Verletzlichkeit als Stärke auf der Bühne: Warum Lampenfieber beim Singen kein Feind ist

Lampenfieber beim Singen darf sein. Schwierig wird es, wenn sich deine Stimme dahinter versteckt. Was Verletzlichkeit auf der Bühne mit Präsenz zu tun hat.

  • 23.06.2026
  • 4 Min

Als Solosänger habe ich schon so oft den Text vergessen. Und die Leute haben mich danach gefragt, ob das Teil der Show war.

Ich erzähle das, weil Lampenfieber beim Singen nichts ist, das weg muss. Ein bisschen Lampenfieber ist gut. Schwierig wird es, wenn du anfängst, dich dahinter zu verstecken: mit der Stimme, mit einem aufgesetzten Gesicht oder hinter einem Notenblatt.

Paradoxerweise ist das Zeigen von Schwäche und Verletzlichkeit ein Zeichen von Stärke und Selbstsicherheit. Präsenz heißt für mich, wertungsfrei im Hier und Jetzt zu sein. Hier geht es darum, was du mit der Aufregung machst.

Wenn sich die Stimme versteckt

Ich habe mir einmal Videos aus der Probe einer Chorleiterin angeschaut. Sie hat darin viel geredet und ein bisschen gesungen, und ihre Stimme war sehr leise. Leise ist ja nicht schlecht. Aber ich hatte das Gefühl, dass ihre Stimme nicht das Gefühl rüberbringt, das sie in dem Moment hatte.

Ein bisschen Aufregung habe ich gesehen, ein bisschen Adrenalin. Sie stand da allein vorne, war verantwortlich, und alle haben auf sie geschaut. Das ist vollkommen verständlich und auch gut so. Nur hat sich ihre Stimme irgendwie versteckt, und dadurch klang es sehr leise. Man kann auch leise und trotzdem selbstbewusst reden.

Da hätte es wenig Sinn gemacht, noch irgendwelche Techniken obendrauf zu packen. Viel wichtiger war die Frage an sich selbst: Wie willst du rüberkommen? Wie willst du dich fühlen, wenn du da vorne stehst? Das ist Präsenz, und die lässt sich üben, auch durch Singen.

Dazu kam etwas ganz Praktisches. Im Video versteckte sie sich eher hinter dem Klavier. Ein Schritt könnte also sein, das Klavier wegzulassen.

Was das Verstecken kostet

Eine der Grundlagen von Präsenz: Wir lassen uns leiten von unseren Gefühlen und Empfindungen und verstecken uns nicht, auch nicht körperlich.

Im Chor, gerade bei Pop und Jazz, ist das Versteck das Notenblatt. Sobald du irgendwas in der Hand hast, bist du dort, und wenn es nur zwei, drei Mal im Konzert ist. Du könntest beim Publikum sein, du könntest bei der Musik sein. Es ist eine Form der Unsicherheit, die damit kompensiert werden soll, auf Kosten der Musik.

Beim Gesicht ist es die aufgesetzte Mimik, eine Maske über dem Gefühl. Sie blockiert auch die Stimme, weil viele Muskeln beteiligt und direkt mit ihr verbunden sind.

Was ist das Schlimmste, was passiert?

Kunst darf nicht perfekt sein. Perfektion wirkt häufig steril und unemotional und schafft eine unnatürliche Distanz zum Publikum. Interessant sind die Makel, die Geschichten von Versagen und Fehlern, die schiefen Töne. Mich hat einmal ein Sänger, den ich vorher nicht kannte, trotz schräger Töne völlig hypnotisiert.

Hat ein Chor Angst, ohne Noten auf der Bühne zu stehen, und wehrt sich, hilft die Frage, die ich die entmachtende Frage nenne: Was ist das Schlimmste, was passiert, wenn ihr es nicht auswendig hinkriegt?

Das Schlimmste ist, dass ihr alles vergesst, abbrechen müsst und noch mal von vorne anfangt. So what, es ist kein Wettbewerb. Es geht immer irgendwie, und ich hatte schon wirklich sehr schlimme Auftritte.

Selbst Nachrichtensprecher versprechen sich im Fernsehen vor einem Millionenpublikum. Und was sind da die Reaktionen? Die Leute lachen sich schlapp, weil es witzig und sympathisch ist. Als Chorleiter geht es mir genauso. Wie oft ich im Konzert schon irgendwelche Abzweigungen vergessen habe: who cares.

Spiel das einmal durch, und du merkst: Eigentlich kann es nur besser werden. Es wird sicherer, musikalischer, du bist mehr bei der Musik und mit den Augen beim Publikum statt in den Noten. Der einzige Nachteil ist die eigene Unsicherheit oder die Angst, beurteilt zu werden, wenn du mal den Text nicht richtig kannst.

Muss ich alles zeigen?

Nein. Nicht alles ist dafür bestimmt, nach außen zu treten, und wo deine innere Transparenz aufhört, entscheidest du selbst.

Was heißt das für die Probe?

Wenn du als Chorleiter:in an Ausdruck arbeitest, schreib keine Mimik vor. Die Mimik folgt der Emotion, nicht umgekehrt. Dasselbe fühlen müssen dabei nicht alle. Einigen könnt ihr euch darauf, dass ihr fühlt, und wie stark: Das ist der Subtext unter dem Text.

Präsenz lässt sich trainieren, zum Beispiel, indem du den Blickkontakt ein paar Sekunden länger hältst als gewohnt oder ein Video deiner Probe zuerst ohne Ton anschaust. Wenn ich mitten im Konzert abdrifte, hilft mir Dynamik: Konzentriere ich mich auf sie, bin ich wieder in der Musik.

Bühnenpräsenz im Einzelcoaching vertiefen

Drei Einzelcoachings im ChoirAccelerator geben dir 45 Minuten online für Stimm-Audit und Abschluss, persönlich auf dich zugeschnitten.

ChoirAccelerator

Häufige Fragen

Ist Lampenfieber beim Singen ein schlechtes Zeichen?

Nein. Ein bisschen Lampenfieber ist gut. Schwierig wird es, wenn sich deine Stimme dahinter versteckt.

Was passiert, wenn ich auf der Bühne den Text vergesse?

Im schlimmsten Fall brichst du ab und fängst noch mal von vorne an. Es ist kein Wettbewerb. Mich haben Leute nach einem vergessenen Text schon gefragt, ob das Teil der Show war.

Muss ich meine Verletzlichkeit auf der Bühne zeigen?

Nein. Nicht alles ist dafür bestimmt, nach außen zu treten. Wo deine innere Transparenz aufhört, entscheidest du selbst.

Newsletter

Nichts mehr verpassen.

Frameworks, Checklisten und Analysen direkt in dein Postfach. Kommt, wenn ich was zu sagen hab. Nicht öfter.