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Die 4 W-Fragen beim Gesang-Üben

Veröffentlicht am
4.2.24

Ich sage immer: Üben hilft. Und doch lässt man es gerne weg, weil es auf den ersten Blick als lästig empfunden wird und so viel Zeit und Kraft erfordert. Dabei ist das Üben ein langwieriger Prozess, der oft unterschätzt wird. Auch deshalb, weil viele denken, es hätte etwas mit angeborenem Talent zu tun, ob man singen könne oder nicht. Die Wahrheit ist aber: Übung und Training sind der einzige Weg sich zu verbessern.

Aber wie wir üben, ist entscheidend für unseren Erfolg.

In diesem Blogartikel befassen wir uns mit den 4 essenziellen W-Fragen beim Gesang-Üben: Was, Warum, Wie und Wo, die dir helfen sollen, dein Üben effektiver und zielgerichteter zu gestalten.

Die Bedeutung des Übens

Was bedeutet es überhaupt zu üben? Eine Definition, die ich besonders treffend finde, kommt von Wikipedia:

"Üben ist ein methodisch wiederholtes Handeln, das darauf zielt, Können zu bewahren, zu erwerben oder zu steigern."

Es geht also darum, durch Wiederholung und gezielte Arbeit unsere Fähigkeiten zu verbessern.

Die Wichtigkeit des Übens wird oft unterschätzt, besonders im Gesang. Viele glauben, Talent sei der entscheidende Faktor, was meiner Ansicht nach falsch ist. Ohne Übung und Training wird man seine Fähigkeiten nicht voll ausschöpfen können, egal wie "talentiert" man sein mag. Wie der US-amerikanische Autor Robert Collier sagt:

"Erfolg ist die Summe kleiner Bemühungen, die Tag für Tag wiederholt werden."

Die Voraussetzungen für effektives Üben

Mit 7 Jahren begann ich Klavier zu spielen. Ich würde sagen, die Voraussetzungen waren ganz gut, immerhin waren beide meiner Eltern professionelle Pianisten. Ich hatte jedoch auch ein hervorragendes Gehör und habe die meisten Stücke vor allem nach Gehör gelernt. Das funktionierte ausgezeichnet und schulte mein Gehör weiter. Allerdings tat das meinen Notenlesekenntnissen nicht besonders gut. Und so kam es, dass ich mich nach 6 Jahren nach wie vor sehr schwertat, Noten richtig und flüssig am Klavier zu lesen. Meine Mutter war schon lange verzweifelt. Stur, wie ich war, übte ich Blattlesen natürlich noch weniger, wenn sie es von mir verlangte.

Doch auf einmal fing ich an, mich für bestimmte Stücke und Komponisten zu interessieren. Meine Faszination für Jazz wurde durch die Rhapsody in Blue von George Gershwin entfacht. Ein Klavierkonzert, das ziemlich schwer zu spielen war.

Doch ich hatte mir in den Kopf gesetzt, dass ich es spielen wollte, weil es mir so gut gefiel. Also setzte ich mich ans Klavier und las stundenlang dieses Stück von Blatt. Und weil es so eine coole Erfahrung war, neue Musik von Blatt zu spielen, griff ich in den Notenschrank meiner Eltern und las einen Band nach dem anderen durch. Ehe ich mich versah, haben sich meine Blattspielkenntnisse so sehr verbessert, dass ich kaum mehr was anderes tat.

Noch heute zehre ich von diesen wenigen Wochen, in denen ich mich in dieses Stück verbissen habe.

Was ich damit sagen will: Egal, was du dir vornimmst, du brauchst einen triftigen Grund, dich aufzuraffen, um bestimmte Dinge zu üben. In diesem Beispiel wollte ich unbedingt dieses Klavierkonzert spielen können. Dafür musste ich aber meine Blattspielkenntnisse trainieren. Das Blattspielen wurde also der Mittel zum Zweck und nicht die Motivation selbst.

Lass uns deshalb genauer anschauen, welche Voraussetzungen für ein effektives Üben gegeben sein müssen.

Die 4 W-Fragen beim Gesang-Üben

Ist es dir auch schon vorgekommen, dass du dir vorgenommen hast zu üben, nur um dann einfach ziellos ein paar Songs durchzusingen?

Auch bei unseren täglichen Übungseinheiten ist es essenziell, dass alle Fragen geklärt sind. Diese 4 Fragen sind

  1. Was muss ich üben?
  2. Warum muss ich das üben?
  3. Wie übe ich es am besten?
  4. Wo übe ich

Was muss ich üben?

Um zu vermeiden, dass du völlig kopflos in deine Übe-Session stolperst, solltest du vorher exakt wissen, was du eigentlich in den kommenden Minuten oder Stunden erreichen willst.

Überlege dir dafür, was am wichtigsten ist, das du können musst, um deine Ziele zu erreichen. Erstelle dir dafür eine Liste, welche Fähigkeiten dir fehlen oder welche du verbessern möchtest. Meiner Erfahrung nach funktioniert es am besten, wenn du anhand der Songs, an denen du momentan arbeitest, deine Schwächen heraussuchst und diese dann auseinandernimmst.

Schritt Nr. 1

Stell dir die Frage: Was in Song X stört mich an meinem Gesang oder: Was funktioniert bislang nicht so, wie ich es gerne hätte?

Wenn du dir bei der Beantwortung dieser Frage unsicher bist, hier ein Tipp: Sing den Song und nimm ihn mit deinem Smartphone auf Video auf. Nutze idealerweise ein Audio-Playback. (In den Ressourcen am Ende gebe ich dir Tipps, wie du welche findest).

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Achtung: Das Ansehen solcher Selbstaufnahmen kann manchmal sehr schmerzhaft sein, vor allem, wenn man es nicht gewohnt ist sich auf Aufnahmen zu hören oder zu sehen. Lass dich davon nicht beeinträchtigen und sei versichert, dass das uns allen so geht und reine Gewöhnungssache ist.

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Notiere dir dann alle Stellen, die dir nicht gefallen, so differenziert wie möglich.

Ein Beispiel: Fiktiver Song X

Intro: Der Rhythmus am Anfang ist nicht klar, ich weiß nicht genau, wann ich einsetzen muss.

Refrain: Die Stelle mit den schnellen Läufen klingt noch unsicher. Bei der hohen Stelle krieg ich den Ton nicht richtig.

Bridge: Klingt nicht intensiv genug.

Aus diesem Beispiel ergeben sich daher mindestens folgende Baustellen:

Rhythmische Präzision

Schnelle Läufe

Technische Sicherheit in der Höhe

Lautstärke und voller Klang.

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Tipp: Wenn du mit der Problemzerlegung überfordert bist, schicke die Aufnahme an deinen Vocal Coach des Vertrauens oder Freunden bzw. Kollegen und stelle ihnen folgende Frage:

Hey, ich bin gerade voll unzufrieden mit meiner Performance, kann aber gerade nicht genau definieren, warum. Kannst du mir ein paar Tipps geben, welche Bereiche des Songs ich noch verbessern kann?

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Schritt Nr. 2

Sortiere die Liste an verbesserungswürdigen Fähigkeiten nach Wichtigkeit.

Schritt Nr. 3

Überlege dir, was du dir heute vornimmst und wie viel Zeit du dafür einplanst.

Warum muss ich das üben?

Überlege dir zu jedem Punkt einen guten Grund, warum du ihn üben willst. Je tiefer der Grund sitzt, desto motivierter bist du beim üben. Eine Strategie dafür könnte sein, 2-3 mal die Warum-Frage zu wiederholen.

Zum Beispiel:

  1. Warum? → Damit ich diesen Song endlich singen kann.
  2. Warum will ich den Song singen? → Damit ich mein Repertoire an schwierigen Songs erweitern kann.
  3. Warum will ich mein Repertoire erweitern? → Damit ich mich an der Hochschule X für Studiengan X bewerben kann.

Zack, hast du einen tieferen Grund, als einfach nur den Wunsch einen Song besser Singen zu können. Studien haben gezeigt, dass die Wahrscheinlichkeit, Dinge durchzuziehen, die man sich vorgenommen hat, viel höher ist, wenn die Begründungen tiefer liegen und nicht oberflächlich sind.

Wie muss ich üben?

In diesem Schritt überlegst du dir, wie du die Fähigkeiten konkret üben kannst, du verbessern oder erlernen willst.

Bei schnellen Läufen könnte das z.B. sein, die Läufe erst ganz langsam zu üben und dann langsam die Geschwindigkeit zu erhöhen. Bei zu hohen Stellen könntest du dir ins Gewissen rufen, wie die zugrundeliegende Technik ist und die Stelle erstmal so tief zu üben, dass du zufrieden bist und auch hier langsam die Schwierigkeit zu steigern.

Wo übe ich?

Trivial aber unterschätzt. Der Ort, an dem du übst, kann darüber entscheiden, ob du Fortschritte machst oder nicht.

Idealerweise kannst du an einem Ort üben, der folgende Voraussetzungen erfüllt:

  1. Du wirst von niemandem gestört
    Nur so kannst du dich bewusst fokussieren. Wenn dennoch die Chance besteht, dass jemand hereinplatzt, hänge vor der Tür ein Schild auf, dass du gerade beschäftigt bist und du um X Uhr wieder erreichbar bist.
  2. Du kannst laut sein, ohne andere zu stören, bzw. dass niemand mithört.
    Das Gefühl, anderen auf die Nerven zu gehen, kann ein totaler Abtörner sein und hat mich schon unzählige Mal vom Üben abgehalten. Such dir einen Ort, an dem du dir sicher sein kannst, dass niemand von dir gestört wird. Auch der Gedanken, dass jemand mithören könnte und dich dafür bewertet ist, Problem Nummer 1, weshalb viele nicht üben.
    Falls du vor solchen Orten nicht fliehen kannst, fliehe nach vorn: Klopfe bei deinen Nachbarn und warne sie, dass du jetzt üben musst und es möglicherweise komisch oder nicht gut klingen wird. Wir üben damit es gut klingt und dafür muss es vorher schlecht klingen. Sage, wie lange du üben wirst und frage, ob das für sie ok ist und dass sie sich melden sollen, wenn es sie stört.
    So hast du die Verantwortung von dir weg gegeben und wenn sich keiner meldet, fühlt sich auch niemand gestört.
  3. Du hast alles da, was du brauchst.
    Offensichtlich aber dennoch wichtig: Stelle sicher, dass du alle Materialien hast: Noten, Playbacks, Stimmgabel oder Klavier, etc.

Fazit

Effektives Üben im Gesang erfordert mehr als nur Talent; es erfordert Planung, Zielsetzung und die richtige Umgebung. Durch die Beantwortung der 4 W-Fragen kannst du einen effektiven Übungsplan erstellen, der dich deinen Zielen näherbringt. Durch die Beantwortung dieser Fragen kannst du das tun, was dir am meisten Hilft: Einfach loslegen. Reduziere die Hürden und Ausreden, die du hast, um endlich mit dem Üben zu beginnen :)

Dein nächster Schritt:

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