Newsletter
Die Stimme an erster Stelle
Repertoire, Probenmethodik, Bühnenpräsenz: alles wichtig. Ich halte trotzdem die Stimme für das, was im Chor alles andere erst trägt.
Die Stimme ist vielleicht das Einzige, worauf es im Chor wirklich ankommt. Repertoire-Auswahl, Probenmethodik und Bühnenpräsenz sind auch wichtig. Nach über zehn Jahren Chorarbeit halte ich sie im Vergleich zur Stimmbildung aber eher für nice-to-have.
Wenn sich eine Gruppe musikalisch weiterentwickeln will, ist die Entwicklung flexibler und sicherer Stimmen der Fokus, der am allerwichtigsten ist. Ich weiß, das klingt vielleicht radikal. Es hat mit meinem eigenen Weg in die Chorleitung zu tun.
Ich leite vor allem mit meiner Stimme
Das Erste, was ich im Studium über Chorleitung gelernt habe, waren Schlagfiguren: wie man einen 4/4-Takt dirigiert, einen 3/4-, 6/8- oder 5/4-Takt, und wie man den Chor am Klavier begleitet. Wir standen als Gruppe im Übungsraum und haben die Figuren nachgemacht, erst ohne, dann mit Dirigierstock. Als ich danach zum ersten Mal vor dem Hochschulchor stand, haben sie mir kein bisschen weitergeholfen. Der Fokus lag vollkommen auf mir und nicht auf dem Chor.
Im vierten Semester habe ich meinen ersten Chor übernommen, das war Twäng!. Schon in den ersten Proben habe ich gemerkt, dass vieles aus dem Chorleitungsunterricht nichts mit der Realität eines Popchors zu tun hatte. Weitergebracht haben mich mein Musikverständnis und vor allem meine Stimme.
Ich leite vor allem mit meiner Stimme, und dafür musste ich gut vorsingen können. Richtig gut. Daraus folgte für mich, dass nicht nur ich gut singen können musste. Das musste das Ziel jedes Sängers und jeder Sängerin im Chor sein, wenn wir uns wirklich verbessern wollten.
Vier Semester Chorleitungsunterricht hatten mir kaum etwas gebracht. Diese eine Erkenntnis hat gereicht: Ein halbes Jahr nachdem ich Twäng! übernommen hatte, habe ich die Probe in der Chorleitungsprüfung mit einer Eins abgeschlossen.
Was passiert, wenn man das ernst nimmt
Zehn Jahre lang habe ich mit Twäng! konsequent an der Stimme gearbeitet. Der Chor hat sich in der Chorszene etabliert und wurde zu einer Marke, unser Popsound war und ist unverwechselbar. Der Erfolg hatte auch andere Gründe. Ich glaube aber, dass die Arbeit an der Stimme einen nicht unerheblichen Teil dazu beigetragen hat.
Egal wie sehr wir in meinem Chor und in meinen Ensembles an Intonation, Blending oder Rhythmus gearbeitet haben, am Ende sind wir an der Stimme hängen geblieben. Wenn Sänger:innen ihr Instrument nur eingeschränkt zur Verfügung haben, ist auch begrenzt, was du musikalisch darauf aufbauen kannst. Vieles lässt sich ohne diesen Fokus proben, und man erreicht auch ein gewisses Level.
Was die Musik aber wirklich ins Herz dringen lässt, ist die Stimme, und nicht, ob eine Absprache perfekt zusammen war. Wenn die Emotion da ist, die Stimme aber unsicher wird, weil sich jemand nicht traut, hoch und laut zu singen, wird aus Leidenschaft Frustration.
Wie machen das professionelle Chöre?
Mein Maßstab ist Vocal Line, ein dänischer Popchor. Seit zehn, fünfzehn Jahren orientiert man sich in Europa an diesem Chor, wenn man richtig gute Popchormusik machen will. Ich habe ihn ein paar Mal live gesehen, und die Besetzung wechselt ständig. Was alle Sänger:innen gemeinsam haben: Du könntest jede und jeden von ihnen einzeln hinstellen und solo singen lassen.
Mir geht es nicht darum, einen Amateurchor mit Vocal Line zu vergleichen. Es geht um den Fokus. Wenn dort alle solistisch singen können, wo sollte dann konsequenterweise der Fokus in unseren Chören liegen?
Meiner Meinung nach auf der Stimme. In einer idealen Chorwelt könnte jede Chorsängerin und jeder Chorsänger auch solistisch singen. Im Chor nimmst du dich dann ein bisschen zurück und passt dich in Phrasierung und Rhythmus an. Du hast aber trotzdem eine ausgebildetere Stimme, eine differenziertere Wahrnehmung und mehr Möglichkeiten zu singen.
Was eine Chorleitung zuerst können sollte
Wenn ich die Kompetenzen einer Chorleitung nach Wichtigkeit ordne, sieht die Reihenfolge so aus:
- Hohes sängerisches Können, inklusive pädagogischem Hintergrund. Die CVT kann dafür ein Werkzeug sein, muss es aber nicht.
- Führung und Management. Wie leite ich den Chor, ohne von den Aufgaben überfordert zu werden? Wie inspiriere und motiviere ich, und was gebe ich an den Chor ab?
- Musikalische Grundausbildung. Klavierspiel, Notenlesen, Partiturspiel, Theorie und Arrangement.
Die Schlagfiguren, mit denen meine Ausbildung angefangen hat, kommen in dieser Liste nicht vor. Die Ausbildung von Chorleiter:innen muss sich aus meiner Sicht massiv verändern. Sie vernachlässigt die Stimme, und die ist für mich nach wie vor das Wichtigste im Job.
Die Stimmentwicklung eines Chors fängt immer bei der Chorleitung an und hängt maßgeblich von ihrer eigenen Stimmbildung ab. Auch wenn du dich vor den Chor stellst, ist das ein Solomoment. Deine Solostimme ist im Endeffekt auch deine Chorleiterstimme.
Ist Musik nicht mehr als Technik?
„Aber Adrian“, höre ich dich vielleicht denken, „Musik ist doch mehr als Technik. Was ist mit Leidenschaft, Musikalität, Zusammenhalt?“
Genau deshalb brauchen wir die Technik. Musikalität kann sich erst entfalten, wenn die Unsicherheiten im Instrument aus der Welt geschafft sind. Ansonsten leidet sie.
Technik ist dazu da, Probleme zu lösen, die du allein nicht schaffst. Auf unsere Intuition ist Verlass, das meiste, was wir intuitiv mit der Stimme machen, ist zunächst richtig. Schwierig wird es, wenn sich der Kopf einschaltet, weil etwas nicht so klingt, wie wir es uns vorgestellt haben. Technik löst dieses Problem, durch Üben wird sie zur Gewohnheit, und dann kannst du loslassen und dich auf das konzentrieren, was du ausdrücken willst. Deine Technik ist egal, solange sie dir nicht im Weg steht.
Und Gemeinschaft entsteht vor allem daraus, gemeinsam wachsen zu wollen und sich gemeinsam weiterzuentwickeln, nicht durch Stagnation. Wenn ihr als Chor an einem gemeinsamen Ziel arbeitet und besser werdet, erzeugt das erst recht Zusammenhalt. Die Aufgabe einer Chorleitung ist für mich, einen Raum zu schaffen, der Fehler zulässt und in dem der Chor als Gruppe wachsen kann.
Saubere Töne sind wichtig. Im Vergleich zu den Emotionen und dem Spaß, die ein Chor auf der Bühne vermittelt, sind sie für mich trotzdem zweitrangig. Es geht nicht um Perfektion, es geht um technische Freiheit für echte Emotion.
Wo fange ich praktisch an?
Bei deiner eigenen Stimme. Sie zu verstehen, das eigene Singen auf ein Level zu bringen, auf dem du dich wohlfühlst, und dieses Wissen dann anzuwenden oder pädagogisch weiterzugeben. In die Probe bringst du Stimmtechnik, ohne viel zu erklären, über vier Parameter: Kompression, Lautstärke, Anpassung der Vokale und Resonanz. Schon die Arbeit an Vokalen ist Stimmtechnik.
Aus dieser Überzeugung heraus habe ich meine Masterclass-Serie und später den ChoirAccelerator entwickelt. Ich wollte dieses Wissen für den Chorkontext sammeln und so vereinfachen, dass es sich leichter vermitteln lässt.
Warum ich das so zuspitze
Ich weiß, dass meine Position provokativ ist, und das ist auch beabsichtigt. Ich will, dass sich Chorleiter:innen und Chorsänger:innen mit der Frage auseinandersetzen, wie wichtig die Stimmtechnik im Chor wirklich ist. Ich bin davon überzeugt, dass wir mit dieser Verschiebung des Fokus die Chorszene massiv beleben und verbessern können.
Häufige Fragen
Warum steht die Stimme im Chor an erster Stelle?+
Weil alles, was du musikalisch aufbaust, davon abhängt, wie frei die Sänger:innen ihr Instrument nutzen können. Repertoire, Probenmethodik und Bühnenpräsenz halte ich im Vergleich dazu eher für nice-to-have.
Muss jede Chorsängerin solistisch singen können?+
In einer idealen Chorwelt ja. Im Chor passt sie sich dann an und nimmt sich zurück, hat aber eine ausgebildetere Stimme und mehr Möglichkeiten. Mein Maßstab dafür ist der dänische Popchor Vocal Line.
Was sollte eine Chorleitung zuerst können?+
Für mich zuerst hohes sängerisches Können mit pädagogischem Hintergrund, dann Führung und Management, dann die musikalische Grundausbildung mit Klavier, Partitur und Theorie.
Ist Musik nicht mehr als Technik?+
Ja. Technik ist dazu da, ein Problem zu lösen. Sie wird durch Üben zur Gewohnheit, und dann kannst du loslassen und dich auf den Ausdruck konzentrieren.
Mehr aus diesem Thema
Einsingen und StimmhygieneEinsingen und Stimmhygiene
Bewegung beim Singen: Schütteln, Marschieren, Arme hoch
Bewegung beim Singen löst Verspannungen und zeigt dir, wo deine Atmung hängt. Wie Arme hoch, Schütteln und Marschieren wirken und wann du welche nimmst.
5 Min
Einsingen und Stimmhygiene
Heiser nach dem Singen: Ursachen und wann zum Arzt
Heiser nach dem Singen? Mögliche Ursachen, Warnsignale früh erkennen und wann eine ärztliche Abklärung sinnvoll ist.
5 Min
Einsingen und Stimmhygiene
Schont Flüstern die Stimme wirklich?
Leise flüstern geht, laut flüstern belastet die Stimme. Ist sie angeschlagen, hilft Schweigen mehr als Flüstern.
3 Min
Newsletter
Nichts mehr verpassen.
Frameworks, Checklisten und Analysen direkt in dein Postfach. Kommt, wenn ich was zu sagen hab. Nicht öfter.