Artikel · Stimmtechnik im Chor
Vokalarbeit im Chor ist Stimmtechnik, nicht nur Aussprache
Welcher Vokal erklingt, entscheidet mit, was eine Stimme in der Höhe kann. Warum Vokalarbeit im Chor Stimmtechnik ist, mit Übung für die Probe.
Wenn ich in einer Chorprobe an Vokalen arbeite, arbeite ich nicht nur an Aussprache. Ich arbeite an Stimmtechnik. Welcher Vokal an einer Stelle erklingt, entscheidet mit darüber, was die Stimmen dort technisch überhaupt können.
Trotzdem läuft Vokalarbeit in vielen Proben unter Diktion. Das hat viel damit zu tun, wie wir Sprache lernen.
Warum hängt die Stimmtechnik am Vokal?
Sprache ist etwas Intuitives. In der Schule lernen wir, sie schriftlich und gesprochen korrekt anzuwenden, aber die Aussprache und ihre Differenzierung bleiben meistens auf der Strecke, wir verstehen uns in der Regel auch so. Aussprache ist deshalb extrem anpassungsfähig und damit auch ziemlich vage.
Beim Singen reicht diese Unschärfe oft nicht. Artikulatorisch hat ein Vokal zwei Parameter: die Position der Zunge und die Rundung der Lippen. Für die Stimmtechnik ist der Zungenvokal maßgebend, er entscheidet mit, welche Technik an einer Stelle überhaupt möglich ist.
Singen wir angenehm oder tief, spielt der Vokal kaum eine Rolle. Je höher und lauter es wird, desto enger werden die Grenzen. Ein ungünstiger Vokal kann dann dazu führen, dass Sänger:innen mit zusätzlicher Spannung kompensieren. Wie laut ein Vokal in der Höhe werden kann, hängt am Vocal Mode: Für eine laute Stelle bleiben nur EH, E, Ö, Ä und das offene OH.
Die Lippenrundung kommt obendrauf. Sie macht den Klang dunkler, und weil sich die Mundöffnung verkleinert, steigt der Luftdruck oberhalb der Stimmbänder, und das stabilisiert ihre Schwingung. Sie verändert aber auch, wie wir den Zungenvokal darunter wahrnehmen. Deshalb empfehle ich, die beiden fürs Singen voneinander zu trennen. Die CVT, meine eigene Schule, lässt dabei aus, dass unsere Aussprache die Lippenrundung automatisch mit einbezieht.
Die Gewohnheit der Sprache
Über die Aussprache zeigen wir außerdem Zugehörigkeit, durch Akzente und Dialekte, und wir passen sie ständig unserem Umfeld an. Jede Sängerin und jeder Sänger bringt also eine eigene Sprachgewohnheit mit in die Probe, und mit ihr oft auch einen bestimmten Stimmsitz. Der Stimmsitz lässt sich auf jeden Fall noch ändern, und die Gewohnheit der Sprache ist nicht unbedingt immer förderlich.
Mein Ohr dafür kommt auch daher, dass ich zweisprachig aufgewachsen bin. Im Ungarischen gibt es sehr viele Vokale, die im Deutschen gar nicht verwendet werden. Das ungarische A wird zum Beispiel ungefähr wie das englische „aw“ ausgesprochen. In der Grundschule habe ich mich oft gewundert, warum meine Klassenkameraden das so falsch aussprechen, wenn ich ihnen nur den Vokal als Laut vormache. Falsch gemacht haben sie nichts. Diesen Laut gibt es im Deutschen so nicht, also hatten sie auch keine Schublade dafür.
Wenn eine ganze Stimmgruppe denselben Buchstaben liest, singen deshalb noch lange nicht alle denselben Vokal.
Warum setze ich im Chor beim Vokal an?
Im Einzelcoaching sage ich manchmal: „Wir arbeiten jetzt an Details, die in der Chorprobe gar nicht möglich wären.“ In der Probe ist diese Einzelarbeit nicht möglich. Und die Begriffe der CVT direkt in die Probe zu tragen, funktioniert bei den meisten Chören nicht. Sie sind zu komplex für Laien und widersprechen zu stark gewohnten Bildern und Mustern.
Mit Vokal und Mund arbeiten dagegen alle schon. Wenn ich einer Stimmgruppe sage, welcher Zungenvokal erklingen soll oder wie weit der Mund in der Höhe aufgeht, kann das die Technik der ganzen Gruppe verändern, ohne dass jemand die Vocal Modes kennt.
Soll man in der Höhe den Mund aufmachen?
Im Unterricht und im Chor hört man meistens, dass man in der Höhe den Mund aufmachen soll. Ich sage in vielen Chorproben etwas anderes dazu.
Ich sage nicht, dass der Mund nie aufgehen darf. Aber wenn man einen poppigeren und brustigeren Sound haben will, zieht ein weit geöffneter Mund die Stimme tendenziell ins Falsett. Bei nicht so weit geöffnetem Mund fällt es in der Regel leichter, in der Höhe lauter und präsenter zu singen. Fürs Falsett darf der Mund also aufgehen, für alles andere eher nicht.
Das spricht ein Stück weit gegen die Vokalanpassung in der Höhe, wenn sie über einen weit geöffneten Mund läuft. Welche Richtung an einer Stelle gilt, hängt am Klang, den ihr dort haben wollt.
Was ich statt „deutlicher“ ansage
Im 1:1-Unterricht stelle ich meinen Geschmack hinten an. Als Chorleiter wird von mir erwartet, dass ich musikalische Entscheidungen treffe, und eine Stimmgruppe muss ich eindeutig leiten und ganz genau sagen, was ich will und was nicht.
„Singt das O einheitlicher“ ist auch eine Ansage, lässt aber offen, woran gerade gearbeitet wird. Bevor ich etwas sage, kläre ich deshalb für mich:
- Welcher Zungenvokal erklingt gerade, und welcher soll erklingen?
- Passt er zu Tonhöhe und Lautstärke der Stelle?
- Wie stark sollen die Lippen runden?
- Geht es um Stabilität oder um Klangfarbe?
Dann sage ich genau das an. Ist der Text schlecht verständlich, geht es zusätzlich um die Konsonanten.
Übung: Bauchreden und Bauchsingen
Dass die Zunge den Vokal macht und nicht der Mund, begründe ich im Coaching mit dem Bauchredner. Es gibt den Beruf des Bauchredners. Allein schon die Tatsache, dass es das gibt, sagt uns, dass es möglich ist, alle Vokale zu reden, ohne die Lippen zu benutzen.
Ziel Hörbar machen, was die Zunge macht und was die Lippen dazugeben.
- Wählt eine kurze Textpassage aus eurem Repertoire.
- Sprecht sie so, dass sich die Lippen möglichst wenig bewegen.
- Formt die Vokale trotzdem so deutlich wie möglich über die Zunge.
- Übertragt dasselbe auf die gesungene Stelle.
- Entscheidet danach gemeinsam, wie viel Lippenrundung die Stelle klanglich braucht.
Was bewirkt die Übung?
- Die Zunge muss die Vokalformung übernehmen.
- Unbewusste Lippenrundungen werden hörbar und sichtbar.
Ziel ist am Ende nicht, die Lippen beim Singen gar nicht mehr zu bewegen. Die Übung soll nur die Unterscheidung zwischen Zungenvokal und Lippenrundung erleichtern. Wenn ihr vorher hören wollt, ob die Vokale in eurer Gruppe überhaupt auseinanderlaufen, nehmt den Konsonanten-Filter.
Den Überblick gibt der Leitfaden Stimmtechnik im Chor. Und für die nächste Probe: Nimm die nächste Stelle, die nicht funktioniert, und frag zuerst nach dem Vokal, bevor du „deutlicher“ sagst.
CVT im Chor · Kostenlose Masterclass
Lerne in 60 Minuten, wie du die wichtigsten CVT-Konzepte auf deine Chorarbeit überträgst, mit Übungen für Probe und Unterricht.
Häufige Fragen
Müssen alle Sänger:innen exakt denselben Vokal singen?+
Für einen einheitlichen Klang braucht es eine gemeinsame Entscheidung, welcher Zungenvokal an einer Stelle erklingt, und die trifft im Chor die Chorleitung. Weil alle ihre eigene Sprachgewohnheit mitbringen, lohnt es sich, den Vokal hörbar zu machen, statt nur den Buchstaben zu nennen.
Sollte ein Vokal in hohen Lagen verändert werden?+
Oft ja, beim Zungenvokal, weil seine technischen Grenzen mit Tonhöhe und Lautstärke enger werden. Den Mund weit aufzumachen gehört für mich nur zum Falsett. Für einen poppigen, brustigen Klang in der Höhe fällt es mit nicht so weit geöffnetem Mund meistens leichter.
Ist Lippenrundung schlecht?+
Nein. Sie macht den Klang dunkler und kann die Stimme stabilisieren.
Verwandte Artikel
Stimmtechnik im ChorRegisterübergänge, hohe Töne und Vocal Modes navigieren
Hohe Töne singen: zuerst den Vokal prüfen
Welcher Vokal geht in welchem Vocal Mode, und wie passt du ihn an, ohne dass der Text verloren geht? Mit Übung zu den Lautstärkegrenzen je Vokal.
4 Min
Newsletter
Versteckte Stoplersteine: Vokale
Viele Chöre sprechen über Vokale – ohne wirklich zu wissen, wie sie entstehen. Der Artikel erklärt, warum unklare Kommunikation über Vokale zu stimmlichen Problemen führt und wie das Verständnis von Zungenposition und Lippenform hilft, Klang und Technik gezielter zu steuern.
10 Min
Stimmtechnik im Chor
Vokale singen: warum derselbe Buchstabe anders klingt
Vokale singen heißt nicht Buchstaben singen. Warum das O in „oft“ offener ist, als du liest, und wie du den Vokal hörst, der wirklich erklingt.
4 Min
Newsletter
Nichts mehr verpassen.
Frameworks, Checklisten und Analysen direkt in dein Postfach. Kommt, wenn ich was zu sagen hab. Nicht öfter.