Artikel · Einsingen und Stimmhygiene
Heiserkeit beim Singen: Wann ärztliche Abklärung sinnvoll ist
Ab wann ich Sänger:innen mit Heiserkeit zur Abklärung schicke, welche Warnzeichen nicht warten sollten, HNO oder Phoniatrie und was bis zum Termin hilft.
Ich bin Gesangslehrer und habe keine medizinische Ausbildung. Ich kann dir also keine medizinischen oder logopädischen Ratschläge geben. Was ich dir sagen kann: an welchem Punkt ein Stimmproblem nicht mehr in meinen Unterricht gehört, sondern in eine HNO-Praxis.
Und dass ich lieber einmal zu früh hinschicke. Es kann ja sein, dass du hingehst und hörst, es ist alles in Ordnung. Das ist mir trotzdem lieber, als dass du so etwas monatelang mit dir herumschleppst.
Stimmlicher Notfall oder Fall für die Ärztin?
Ich trenne zwei Arten von Problemen. Die erste nenne ich einen stimmlichen Notfall: Du bist nicht krank, und trotzdem macht die Stimme nicht, was sie soll. Die Höhe kommt nicht, die Lautstärke fehlt, alles fühlt sich verkrampft an, obwohl es gestern noch ging.
So ging es mir bei einem Radioauftritt mit meiner Band ANDERS. Der Raum war trocken, ich war wahrscheinlich angestrengt vom Tag und ein bisschen aufgeregt, und in der Höhe kam einfach nichts mehr, ich hab mich völlig abgeschnürt gefühlt. Wir mussten abbrechen, eine Glanzleistung war das nicht. Krank war ich nicht, das war eine Überspannung, und daran kann man stimmtechnisch arbeiten.
Die zweite Art sind Erkrankungen, die die Stimme direkt betreffen, im Extremfall Knötchen auf den Stimmlippen. Da hilft keine Übung aus dem Gesangsunterricht. Die Diagnose gehört zur Ärztin oder zum Arzt, die Behandlung je nach Befund auch in die Logopädie. Wir können uns nicht wunderheilen.
Wann ich zum Arzt schicke
Welche der beiden Arten es ist, kannst du nicht immer selbst unterscheiden. Deshalb schicke ich dich zur Abklärung, wenn
- die Heiserkeit länger als zwei bis drei Wochen anhält,
- Sprechen oder Singen wehtut,
- die Stimme regelmäßig wegbleibt,
- du keinen Vocal Fry mehr produzieren kannst,
- sich die Stimme dauerhaft verändert hat,
- ständig Luft auf der Stimme liegt, die vorher nicht da war.
Das US-amerikanische National Institute on Deafness and Other Communication Disorders (NIDCD) zieht die Grenze bei drei Wochen, besonders wenn keine Erkältung oder Grippe dahintersteckt.1 Unabhängig von der Dauer rät das NIDCD zum Arzt, wenn du Blut hustest, Schmerzen beim Sprechen oder Schlucken hast, schlecht schlucken oder atmen kannst, einen Knoten am Hals spürst oder deine Stimme länger als ein paar Tage ganz weg ist.1
An einem normalen Tag prüfst du den Vocal Fry und andere Signale mit drei kurzen Checks: ein entspannter Vocal Fry, eine hohe leise Phrase, ein sehr leises Glissando von oben nach unten.
HNO-Praxis oder Phoniatrie?
Die deutsche Leitlinie zu Stimmstörungen sieht bei Heiserkeit eine Untersuchung durch eine Fachärztin oder einen Facharzt für HNO oder für Phoniatrie und Pädaudiologie vor.2 Phoniatrie und Pädaudiologie ist das Fachgebiet für Stimm-, Sprech-, Sprach- und Schluckstörungen und für kindliche Hörstörungen.3
Für Sänger:innen ist das interessant, weil die Leitlinie Störungen der Singstimme eigens beschreibt, ausdrücklich auch bei Laiensänger:innen. Zur Diagnostik gehört dort neben der Videolaryngostroboskopie, bei der die Schwingung der Stimmlippen sichtbar wird, auch ein Anhören der Singstimme, von Vokalisen bis zu einem Lied.2 Wenn dein Problem vor allem beim Singen auftaucht, sag das schon bei der Terminvereinbarung, damit die Singstimme mit angehört wird.
Und bis zum Termin?
Was einer angeschlagenen Stimme am meisten hilft, ist, sie nicht zu benutzen. Halblaut weitersingen oder flüstern schont sie dagegen nicht, das ist eine Schonhaltung, und halblaut bedeutet meistens mehr Luftverbrauch und weniger Stütze. Deshalb gilt auch bis zum Termin: Nutz deine Stimme entweder normal oder gar nicht, und wenn Sprechen oder Singen wehtut, gar nicht.
Räuspern und Husten schaden deiner Stimme nicht. Wenn du dich aber ständig räuspern musst, gehört das mit zur Abklärung.
Was du für den Termin tun kannst: aufschreiben, seit wann es so ist und was sich verändert hat. Dafür kannst du die Checks aus dem Stimmstatus-Check nutzen, einmal am Tag, immer gleich.
Für Chorleiter:innen
Wenn eine Sängerin Schmerzen, anhaltende Heiserkeit oder wiederkehrenden Stimmverlust meldet, ist Durchhalten keine Lösung. Hilfreicher ist, dass alle im Chor die Grenze kennen: Was länger als zwei bis drei Wochen anhält, gehört zur HNO-Ärztin oder zum HNO-Arzt.
Und wenn die Untersuchung zeigt, dass organisch alles in Ordnung ist, sind wir wieder bei der ersten Art von Problem. Dann ist es Arbeit an der Stimme. Je nach Befund gehört die in die Logopädie, in den Unterricht oder in beides.
Wenn die Stimme vor dem Auftritt streikt
Der Stimmnotfallplan für Chorsänger:innen: erkennen, was los ist, und wissen, was du jetzt tust.
Häufige Fragen
Wie lange darf Heiserkeit dauern, bevor ich zum Arzt gehe?+
Ich schicke Sänger:innen nach zwei bis drei Wochen zur Abklärung, das NIDCD nennt drei Wochen. Bei Schmerzen, Atemproblemen, Blut beim Husten oder komplettem Stimmverlust über mehrere Tage rät das NIDCD auch früher zum Arzt.
Gehe ich zur HNO-Praxis oder in die Phoniatrie?+
Die Leitlinie nennt beide Fachrichtungen. Stimmstörungen sind in der Phoniatrie ein eigenes Fachgebiet. Wenn dein Problem vor allem beim Singen auftaucht, sag das schon bei der Terminvereinbarung, damit die Singstimme mit angehört wird.
Soll ich meine Stimme bis zum Termin schonen?+
Nicht benutzen hilft ihr am meisten. Halblaut singen oder flüstern ist dagegen eine Schonhaltung und schadet eher. Also entweder normal oder gar nicht, und wenn Sprechen oder Singen wehtut, gar nicht.
Kann Gesangsunterricht eine Heiserkeit heilen?+
Nein, wenn eine Erkrankung dahintersteckt. Ist organisch alles in Ordnung und die Stimme macht trotzdem nicht, was sie soll, kann man daran arbeiten, je nach Befund in der Logopädie, im Unterricht oder in beidem. Dieser Text ersetzt keine ärztliche Untersuchung.
Quellen
- National Institute on Deafness and Other Communication Disorders (NIDCD): Hoarseness ↩
- Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP): S2k-Leitlinie Diagnostik und Therapie von Störungen der Stimmfunktion (Dysphonien), AWMF-Registernummer 049-008, Stand Dezember 2022 ↩
- Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP): Über die DGPP ↩
Verwandte Artikel
Einsingen und StimmhygieneEinsingen und Stimmhygiene
Stimmhygiene für Sänger:innen: die wichtigsten Grundlagen
Pausen, Trinken, Raumluft, Sprechstimme und Schlaf: was deine Stimme im Alltag braucht, mit Studien belegt, und eine Übung für nach der Probe.
5 Min
Einsingen und Stimmhygiene
Stimmstatus prüfen: drei einfache Checks vor dem Singen
Was ein schwerer Vocal Fry, ein verzögerter Einsatz oder ein belegtes Glissando anzeigen und wie du ungewohnt von schmerzhaft unterscheidest.
4 Min
Newsletter
Nichts mehr verpassen.
Frameworks, Checklisten und Analysen direkt in dein Postfach. Kommt, wenn ich was zu sagen hab. Nicht öfter.