Artikel · Einsingen und Stimmhygiene
Stimmhygiene für Sänger:innen: die wichtigsten Grundlagen
Pausen, Trinken, Raumluft, Sprechstimme und Schlaf: was deine Stimme im Alltag braucht, mit Studien belegt, und eine Übung für nach der Probe.
Stimmhygiene heißt, deine Stimme so zu behandeln, dass sie dir lange erhalten bleibt. Der Begriff ist vielleicht etwas sperrig. Gemeint ist der Umgang mit der Stimme im Alltag, also außerhalb von Übung und Einsingen: wie viel du ihr zumutest, wann sie Pause bekommt und in welcher Luft sie arbeitet.
Das Ziel ist eine Stimme, die du weder überforderst noch aus Angst unterforderst. Warm-up und Einsingen bereiten Körper und Stimme auf das Singen vor, bei der Stimmhygiene geht es um den langfristigen Umgang mit Belastung, Erholung und Warnsignalen.
Belastung und Pausen
Das Erholsamste für deine Stimme ist, sie nicht zu benutzen. Wenn du deine Stimme lange benutzt hast, darf sie sich benutzt und angestrengt anfühlen. Über Nacht erholt sie sich in der Regel, und am nächsten Tag sollte sie so funktionieren wie sonst. Tut sie das nicht, lohnt sich ein Blick auf deinen Stimmstatus.
Praktisch heißt das:
- nach intensiven Proben oder Auftritten bewusst eine Pause einlegen, auch mal einen Tag nicht singen
- zwischen zwei Stimmbelastungen kurze Pausen einbauen
- anstrengende Stimmtage frühzeitig drosseln
- große Auftritte nicht ohne Pausen durchziehen
- an freien Tagen die Stimme bewusst wenig belasten
Was Pausen bringen, zeigt eine Studie, in der 20 junge Karaoke-Sänger:innen ohne Gesangsausbildung am Stück sangen. Die Hälfte bekam in regelmäßigen Abständen Wasser und kurze Stimmpausen und konnte deutlich länger singen. Bei der anderen Hälfte, ohne Wasser und ohne Pause, veränderten sich ein Messwert der Stimmqualität und der höchste Ton, den sie noch erreichten.1
Pause heißt dabei wirklich Pause. Den ganzen Abend halblaut mitzusingen ist eine Schonhaltung, und daraus kann ein Muster werden, das mehr Luft verbraucht, weniger Stütze hat und schwer wieder rauszukriegen ist. Ich rate dir, die Stimme entweder normal zu nutzen oder zu schweigen. Wie beim Sport braucht die Stimme Belastung, Erholung und Training.
Trinken und Raumluft
Deine Stimme arbeitet auf Schleimhäuten, und die brauchen Wasser. Am besten einfaches Trinkwasser ohne Kohlensäure, vor, während und nach dem Singen. Eine systematische Übersichtsarbeit kommt zu dem Ergebnis, dass Flüssigkeitsmangel messbare Stimmparameter verschlechtert und Wassertrinken sie verbessert.2
Auf die Raumluft hast du weniger Einfluss, im Blick behalten solltest du sie trotzdem. In einem kleinen Versuch mit acht Personen reichten zehn Minuten Einatmen sehr trockener Luft, um die Stimme messbar zu verändern.3 Gerade in Probenräumen mit Heizungsluft oder Klimaanlage lohnt sich deshalb ein Blick darauf. Was du tun kannst:
- in trockenen Räumen einen Luftbefeuchter verwenden, das empfiehlt auch das NIDCD4
- beim Schlafen ein feuchtes Handtuch im Schlafzimmer aufhängen
- wenn sich trockene Räume nicht vermeiden lassen, mehr trinken
Inhalieren gehört für mich auch dazu, am besten Salzwasser über einen Vernebler. Dieselbe Übersichtsarbeit fand, dass Dampfinhalation messbare Stimmwerte verbessert und das Vernebeln einer isotonischen Lösung den Druck senkt, den die Stimme zum Anschwingen braucht.2 Von Lutschpastillen halte ich wenig: Mir haben sie noch nie geholfen, und ich glaube nicht, dass sie etwas an der Stimme machen. Räuspern und Husten sind übrigens nicht schädlich für deine Stimme. Husten ist ein Schutzreflex, und auch das Räuspern gehört zum Körper.
Die Sprechstimme zählt mit
Für deine Stimme zählt jeder Satz, den du sprichst, mit. Wer den Tag über gegen Lärm anspricht, in einer Schulklasse, auf einer Baustelle oder im vollen Lokal, hat abends weniger übrig. Das NIDCD rät, in lauten Umgebungen möglichst nicht zu sprechen und dort, wo es geht, ein Mikrofon zu benutzen.4 Und Flüstern ist kein Ausweg: Leise flüstern geht, laut flüstern belastet die Stimme.
Wenn du einen Chor leitest, sprichst du in der Probe mehr als jede:r deiner Sänger:innen. Sprichst du dauerhaft halblaut, gilt: entweder Vollgas oder gar kein Gas. Für die Sprechstimme gilt dasselbe wie fürs Singen: normal oder gar nicht.
Auch Alkohol gehört hierher. Er ist für die Stimme nicht zwangsläufig direkt schlecht, aber er verschleiert die Selbstwahrnehmung. Mit Alkohol redest du lauter und achtest weniger darauf, wie du deine Stimme einsetzt.
Schlaf
Auch Schlaf gehört zur Stimmhygiene. Das NIDCD rät zu ausreichend Ruhe, weil sich körperliche Erschöpfung negativ auf die Stimme auswirkt.4
Und ich weiß, wie das im Musikerberuf aussieht: Der Gig geht bis zehn, danach kommen die Leute, die noch reden wollen, gegen zwölf bin ich im Hotel, und geschlafen wird gegen halb zwei, weil man nach einem Auftritt nicht einfach einschläft.
Übung: Cooldown nach der Probe
Diese kurze Abfolge gibt der Stimme nach einer langen Probe oder einem Auftritt einen Abschluss mit wenig Spannung.
Ziel Die Stimme nach intensiver Belastung mit sanftem Luftstrom und ohne Druck herunterfahren.
- Mach fünf bis zehn Minuten lang sehr sanft „sch-sch-sch“ oder „f-f-f“, mit viel Luft und ohne Anstrengung.
- Setz danach sehr tief und entspannt einen knarzigen Vocal Fry auf „a“ an, nur wenige Sekunden lang.
- Achte darauf, ob der Fry so leicht kommt wie sonst.
Was bewirkt die Übung?
- Die Stimme arbeitet weiter, aber mit viel Luft und wenig Spannung.
- Kommt der Fry schwer, obwohl er sonst problemlos klappt, mach zehn Minuten Pause und probier es noch einmal. Geht es dann immer noch nicht, braucht deine Stimme eine Pause.
Häufige Fehler
- den Fry forcieren oder lange halten
- bei „sch“ und „f“ Druck machen, statt die Luft einfach fließen zu lassen
Einsingen ersetzt keine Stimmhygiene
Ein gutes Einsingen bereitet die Stimme auf eine Probe vor. Es gleicht aber keine Woche aus, in der die Stimme jeden Tag zu viel abbekommt. Das Einsingen ist ein Teil deiner Stimmhygiene und genauso individuell. Wichtig ist, dass du lernst, die Signale deines Körpers zu lesen. Drei kurze Checks vor der Probe zeigen dir, wie deine Stimme heute reagiert.
Halten Probleme wie Heiserkeit länger als zwei bis drei Wochen an oder hast du Schmerzen, gehört das zur HNO-Ärztin, zum HNO-Arzt oder in die Logopädie.
Wenn die Stimme vor dem Auftritt streikt
Der Stimmnotfallplan für Chorsänger:innen: erkennen, was los ist, und wissen, was du jetzt tust.
Häufige Fragen
Was gehört zur Stimmhygiene?+
Pausen zwischen Belastungen, ausreichend Wasser, nicht zu trockene Raumluft, eine Sprechstimme, die nicht dauerhaft gegen Lärm anarbeitet, und genug Schlaf. Dazu gehört auch, auf Veränderungen deiner Stimme zu achten.
Wie viel sollte ich vor dem Singen trinken?+
Eine feste Menge kann ich dir nicht nennen. Trink vor, während und nach dem Singen regelmäßig Wasser, am besten ohne Kohlensäure, und in trockenen Räumen mehr.
Hilft ein Luftbefeuchter der Stimme?+
Sehr trockene Luft verändert die Stimme schon nach zehn Minuten messbar, normale Raumluft nicht. In trockenen Räumen, gerade im Winter, lohnt sich ein Luftbefeuchter deshalb, das empfiehlt auch das NIDCD. Wo das nicht geht, trink mehr.
Soll ich meine Stimme vor einem Auftritt schonen?+
Ist sie angeschlagen, hilft ihr nur, sie nicht zu benutzen. Sonst plane vorher Pausen ein und drossle anstrengende Tage frühzeitig. Wenn du singst, dann normal und nicht halblaut, denn halblautes Singen ist eine Schonhaltung.
Quellen
- Yiu EM, Chan RM: Effect of hydration and vocal rest on the vocal fatigue in amateur karaoke singers. Journal of Voice 17(2), 2003, S. 216 bis 227 ↩
- Alves M, Krüger E, Pillay B, van Lierde K, van der Linde J: The Effect of Hydration on Voice Quality in Adults: A Systematic Review. Journal of Voice 33(1), 2019, S. 125.e13 bis 125.e28 ↩
- Hemler RJ, Wieneke GH, Dejonckere PH: The effect of relative humidity of inhaled air on acoustic parameters of voice in normal subjects. Journal of Voice 11(3), 1997, S. 295 bis 300 ↩
- National Institute on Deafness and Other Communication Disorders (NIDCD): Taking Care of Your Voice ↩
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