Artikel · Stimmtechnik im Chor
Pop-Aussprache im Chor: natürlicher Sprachfluss statt maximaler Präzision
Warum sich Pop im Chor an gesprochener Sprache orientiert, wie Assimilation bei Peter Fox und Teddy Swims klingt und wie dein Chor seine Fassung findet.
Beim Singen, besonders im Chor, aber auch solistisch, verfallen viele Sänger:innen in eine Überartikulation, die völlig fernab unserer gesprochenen Sprache liegt.
Für klassische Musik ist diese Artikulation schon eher notwendig. In populärer Vokalmusik sollten wir uns dagegen mehr an der gesprochenen Sprache orientieren. Historisch hat sich die populäre Musik durch das mikrofonierte Singen so entwickelt, dass sich gesungener Text direkter an der Alltagssprache orientiert.
Für den Chor heißt das zum Beispiel, dass Tonenden sehr wenig Betonung brauchen und viele Vokale anders klingen, als man es sonst beim Singen gewohnt ist. Konsonanten brauchen nur so viel Stärke, dass der Text verständlich bleibt, und Laute dürfen sich verbinden oder wegfallen. Das nennt man Assimilation und Elision.
Wie klingt Assimilation im Deutschen?
Bei der Assimilation passt sich ein Laut seinem Nachbarn an, damit der Übergang leichter wird. Ein Beispiel ist „Wann bist du da“. Das n in „wann“ wird vor dem b oft zu einem m, und das t von „bist“ verschmilzt mit dem d von „du“. Am Ende kann das wie „wam bisdu da“ klingen.
Deutlicher wird es in einem Zungenbrecher: „Doris trägt täglich drei dünne Decken, doch draußen dämmern dunkle Dächer.“ Schnell gesprochen kann das t in „trägt“ verschwinden, aus „trägt täglich“ wird „träg täglich“. Und „doch draußen“ wird zu „dochdraußen“, mit einer stimmhaften Verbindung zwischen den beiden Wörtern.
Fürs Singen sind beide Vorgänge nützlich. Die Assimilation erleichtert es, durch die Verbindung von Lauten den Luftfluss beizubehalten. Die Elision führt das gesungene Wort näher an die Umgangssprache.
Was singen Peter Fox und Teddy Swims wirklich?
„Haus am See“ habe ich für Twäng! arrangiert. Für den Song notiere ich zuerst eine Fassung mit allen möglichen Assimilationen und Elisionen, als Annäherung, und daneben das, was Peter Fox tatsächlich singt.
„Hier binich gebor’n un’laufe durch die Straß’n“ steht in beiden Fassungen gleich. An zwei Stellen verschleift er weniger, als möglich wäre: Das H von „Haus“ bleibt bei ihm stehen, wo auch „jedes’aus“ ginge, und „Taube hier“ singt er nicht als „Taub’hier“.
Bei Teddy Swims in „Lose Control“ sieht es ähnlich aus. Möglich wäre „Feels like’ewallsarall closin’in“, er singt „Feels like thewallsarall closin’in“ und behält das „the“. In der nächsten Zeile lässt er es dagegen fallen: „An’e devil’sknockin’ad mydoor“. Auch auf der Aufnahme wird also nicht jede mögliche Verschleifung genutzt, und welche bleibt, kann sich von Zeile zu Zeile ändern.
Wie viel Verschleifen verträgt ein Text?
Menschen bringen eine erstaunliche Toleranz für Textverständnis mit, selbst wenn Laute verändert oder verschoben werden. Das gibt uns beim Singen mehr Spielraum, als wir glauben, und entschärft manche Ausspracheregel deutlich.
Das gilt auch für die Vokale. Das o in „love“ klingt im gesprochenen Englisch fast wie ein a. Beim Singen wird es oft in ein offenes O verschoben, um Techniken wie Overdrive zu erleichtern. Solche Anpassungen sind gängige Praxis und stören die Verständlichkeit kaum, solange der Kontext klar bleibt.
Sprache oder Gesang?
Ob sich eine Aussprache stärker an der Sprache oder am Gesang orientiert, hängt vom Genre, von der Zielgruppe und von der künstlerischen Absicht ab. Man könnte auch sagen, sie ist Geschmackssache. Eine sprachnahe Aussprache erhöht die Textverständlichkeit, kann aber den Klangfluss beeinträchtigen. Eine gesangsorientierte Aussprache fördert die klangliche Einheit, birgt aber das Risiko, dass der Text schwerer zu verstehen ist.
Unter den häufigen Fehlern zeigt trotzdem einer in eine Richtung: Die Wortbetonungen liegen falsch, und die Aussprache orientiert sich zu sehr am Gesang. Um die Betonung der gesprochenen Sprache zurück in die Phrase zu holen, lasse ich den Text zuerst sprechen, vom Rhythmus befreit, und dann hört man, wo im Satz die Betonung liegt. Dazu bringt jede Sängerin und jeder Sänger eine eigene Sprachgewohnheit mit in die Probe, geprägt von Akzenten und Dialekten.
Allgemeingültige Regeln lassen sich dafür schwer festlegen, weil Aussprache so flexibel und individuell ist. Was ich hier beschreibe, versteht sich als Inspiration zu beobachteten Tendenzen. Wichtig ist, dass du dich mit deiner Aussprache wohlfühlst.
Übung: Mögliche und gesungene Fassung vergleichen
Was ich mit „Haus am See“ gemacht habe, geht auch mit einem Song aus eurem Repertoire:
Ziel Hören, welche Verschleifungen ein Song verträgt, und daraus eine gemeinsame Fassung für den Chor machen.
- Wählt eine Zeile aus einem Popsong, den ihr gerade probt.
- Schreibt sie einmal mit allen Assimilationen und Elisionen auf, die beim schnellen Sprechen möglich sind, so wie oben bei „Haus am See“.
- Hört die Originalaufnahme und markiert, welche davon die Sängerin oder der Sänger tatsächlich nutzt.
- Hört darauf, was sich für euch in Ordnung und was schon komisch anhört, und entscheidet gemeinsam, welche Verschleifungen ihr übernehmt. Dann singt die Zeile so.
Was bewirkt die Übung?
- Der Chor singt eine abgesprochene Fassung statt vieler einzelner Gewohnheiten.
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Häufige Fragen
Ist Pop-Aussprache im Chor schlampig?+
Nein. Assimilation und Elision gehören zur gesprochenen Sprache, und in populärer Vokalmusik orientiert sich gesungener Text an ihr. Solange der Kontext klar bleibt, stören solche Anpassungen die Verständlichkeit kaum.
Ist klassische Aussprache im Popchor falsch?+
Für klassische Musik ist die starke Artikulation notwendig. In populärer Vokalmusik solltest du dich mehr an der gesprochenen Sprache orientieren, weil sich die Musik durch das mikrofonierte Singen so entwickelt hat.
Wird ein Text unverständlicher, wenn der Chor Laute verschleift?+
Nicht unbedingt. Menschen bringen eine erstaunliche Toleranz für Textverständnis mit. Eine sprachnahe Aussprache kann die Textverständlichkeit sogar erhöhen, dafür leidet unter Umständen der Klangfluss.
Gibt es feste Regeln für Pop-Aussprache?+
Kaum. Aussprache ist so flexibel und individuell, dass sich allgemeingültige Regeln schwer festlegen lassen. Es gibt beobachtete Tendenzen, und am Ende sollte sich die Aussprache für dich gut anfühlen.
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