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Probleme mit tiefen Tönen nach hohen Passagen

Nach hohen Passagen versagt die Tiefe? Kehlkopf, Kompression und Stütze: woran es liegt und wie du mit dunkler Farbe und Luft zurück nach unten kommst.

  • 06.05.2024
  • 5 Min

Du singst eine ganze Weile in hoher Lage, mit viel Energie und Lautstärke, und wenn es dann wieder tiefer wird, versagt die Stimme, obwohl die Stellen sonst immer problemlos liefen?

Bei meiner A-Cappella-Band ANDERS singe ich meistens in ziemlich hoher Lage, und auch meine Solo-Stellen sind tendenziell eher hoch und laut.

Manchmal singen wir aber ganz am Schluss eine Zugabe, immer ohne Verstärkung. Und weil unser Bassist ganz am Ende noch ein Solo singt, muss ich dann die Bassstimme übernehmen.

Normalerweise bekomme ich die Töne problemlos, so tief ist es dann doch nicht. Aber nach gut 90 Minuten Durchpowern hatte ich lange Zeit echt Probleme, die tiefen Töne zuverlässig zu singen.

Ähnlich kann es sich anfühlen, nachdem du laute und hohe Passagen geübt hast. Die Stimme fühlt sich irgendwie eng und unangenehm an, und Töne, die du sonst zuverlässig singst, kommen nicht mehr. Ich sehe dafür drei mögliche Gründe.

Warum bleibt der Kehlkopf nach der Höhe oben?

Das ist vielleicht nichts Neues für dich, aber je höher wir singen, desto höher liegt auch der Kehlkopf. In einer Messung mit sechs Männern stieg und sank der Kehlkopf eng mit der Tonhöhe: für tiefe Töne unter seine Ruhelage, für hohe darüber.1

In der Höhe musst du den Kehlkopf also nicht unten halten, er geht von selbst hoch. Er muss aber auch wieder runter. Singen wir lange in hohen Lagen, gewöhnen wir uns ein Stück weit an die erhöhte Position und vergessen manchmal, sie wieder anzupassen, wenn es zurück in die Tiefe geht.

Ein tiefer Kehlkopf macht den Klang dunkler, deshalb arbeitet man im klassischen Gesang so viel an der Kehlkopfposition. Dieses klassische Gefühl kannst du dir für die Tiefe zurückholen, auch in populären Stilen: ein bisschen tieferer Kehlkopf und ein bisschen mehr Raum im Mund.

Achte also darauf, deinen Kehlkopf ausreichend zu senken, wenn du von hohen in tiefe Lagen springst. Am besten spürst du die Senkung, wenn du gähnst.

Was hat die Kehlkopfneigung damit zu tun?

Singst du mit hoher Kompression, in der CVT Reduced Density, neigt sich der vordere Teil des Kehlkopfs leicht. In der Höhe schließen die Stimmbänder dadurch enger und präziser, und der Klang wird eher kompakter als voluminöser.

Das Faszinierende daran ist, dass sich die Stimmlippen dabei verlängern, ohne dass der Ton automatisch höher wird. Eine Studie mit 20 Profisänger:innen hat das im Kehlkopf beobachtet: In Reduced Density neigte sich der Kehlkopf sichtbar bis deutlich nach vorn, im volleren Klang kaum, bei gleicher Tonhöhe.2

SchildknorpelStimmlippenRingknorpelCricothyroid-Gelenk
Kehlkopfneigung. Der Schildknorpel neigt sich am Cricothyroid-Gelenk nach vorn, die Stimmlippen werden dabei länger.

Curbing ist dafür das beste Beispiel, aber auch die anderen Vocal Modes Overdrive, Edge und Neutral lassen sich mit geneigtem Kehlkopf singen. Im Estill Voice Training spricht man vom „Sobbing“. Das Gefühl dazu ist das jammernde, leidende aus dem Curbing.

Nach unten ist hohe Kompression aber durch die Tonhöhe begrenzt, tiefe Töne brauchen entspanntere, kürzere Stimmlippen. Komm beim Wechsel in die Tiefe also aus dem jammernden Gefühl heraus. Dabei hilft es, mit mehr Luft zu singen und den Klang dunkler zu färben.

Wie viel Stütze braucht die Tiefe?

Dass wir für hohe Töne mehr Energie brauchen, leuchtet ein. Was man dabei leicht vergisst: Die tiefen Lagen brauchen genauso viel Stütze wie die hohen.

Cathrine Sadolin beschreibt das in der Complete Vocal Technique als Tendenz, nicht als Messwert.3 In der mittleren Lage brauchen wir kaum Energie. Für alles andere gilt:

  1. Je höher, desto mehr Aufwand.
  2. Je tiefer, desto mehr Aufwand.
  3. Je lauter, desto mehr Aufwand.
  4. Je länger die Phrase, desto mehr Aufwand.

Lass deine Stütze beim Sprung in die Tiefe also nicht fallen, auch wenn sich mehr Stützen auf den ersten Blick kontraintuitiv anfühlt. Die Lautstärke nimmt in der Tiefe deutlich ab, nimm sie dort also aktiv zurück, damit du die tiefen Töne sicher kriegst. Und wenn du in der Tiefe doch laut sein musst und es anstrengt, darfst du Luft nachschieben, dann kommt es ein bisschen leichter.

Kann man die Tiefe erweitern?

In Grenzen, ja. Die Stimmlippen haben nur eine gewisse Länge, irgendwann ist Schluss. Ein tiefer Ton, der heute noch wackelt, wird mit etwas Übung und Routine aber sicher. Ich konnte meine eigene Tiefe um einen Ganzton bis eine kleine Terz nach unten erweitern.

Je dunkler du färbst, desto leichter kommen die tiefen Töne. Der sichere Platz ist immer mit Luft. Und versuch, die Konfiguration nicht zu ändern und nichts zu machen, außer tiefer zu gehen. Als Einstieg nehme ich gern den Vocal Fry, weil dabei die volle Masse der Stimmlippen mitschwingt.

Übung: Aus der Höhe zurück in die Tiefe

Die Übung baut die Situation aus dem Konzert im Kleinen nach, mit einer hohen und einer tiefen Stelle aus einem Stück oder mit einzelnen Tönen.

Ziel Nach einer hohen Passage einen tiefen Ton sicher treffen und von dort aus tiefer gehen, ohne die Stimme dafür umzubauen.

  1. Sing die hohe Stelle ein paar Mal so, wie du sie sonst auch singst.
  2. Gähn einmal und spür, wie der Kehlkopf nach unten geht.
  3. Fang den tiefen Ton mit einem Vocal Fry an und wechsle aus dem Fry in den Ton.
  4. Färb den Ton dunkler: ein bisschen tieferer Kehlkopf, ein bisschen mehr Raum im Mund. Wackelt er, gib einen Ticken mehr Luft dazu.
  5. Geh von dort in kleinen Schritten tiefer und ändere dabei nichts außer der Tonhöhe.

Was bewirkt die Übung?

  • Du übst den Weg zurück, den der Kehlkopf nach der Höhe gehen muss.
  • Der Vocal Fry holt dich aus dem kompakten, geneigten Gefühl der Höhe in eine Schwingung mit voller Masse.

Häufige Fehler

  • Beim Sprung nach unten die Mundwinkel breit ziehen oder lächeln. Breite Mundwinkel färben den Klang heller, du willst hier das Gegenteil.
  • In der Tiefe genauso laut bleiben wollen wie oben.

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Häufige Fragen

Warum kann ich nach hohen Passagen keine tiefen Töne mehr singen?

Drei mögliche Gründe: Der Kehlkopf ist nach der Höhe oben geblieben, die Neigung des Kehlkopfs aus der hohen Kompression ist noch aktiv, oder du lässt beim Sprung nach unten die Stütze fallen.

Soll ich für tiefe Töne lächeln?

Ich rate eher zum Gegenteil. Breite Mundwinkel färben den Klang heller, und je dunkler du färbst, desto leichter kommen die tiefen Töne.

Brauchen tiefe Töne weniger Stütze als hohe?

Nein. Je tiefer, desto mehr Aufwand, genau wie in der Höhe. Die Lautstärke nimmt in der Tiefe aber ab, deshalb darfst du dort leiser werden.

Kann ich meinen Tonumfang nach unten erweitern?

In Grenzen. Die Stimmlippen haben eine gewisse Länge, aber mit Übung und Routine wird ein wackelnder tiefer Ton sicher.

Quellen

  1. Shipp, T. (1975): Vertical laryngeal position during continuous and discrete vocal frequency change. Journal of Speech and Hearing Research 18(4), 707 bis 718. ↩
  2. Aaen, M., Christoph, N., McGlashan, J., Sadolin, C., Aaen, M. (2025): Correlating Degree of Thyroid Tilt Independent of fo Control as a Mechanism for Phonatory Density with EGG and Acoustic Measures across Loudness Conditions. Folia Phoniatrica et Logopaedica 77(4), 319 bis 331. ↩
  3. Sadolin, Cathrine: Complete Vocal Technique. Shout Publications (Erstausgabe 2000). ↩

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