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Sorry, ich hatte keine Zeit zu üben
Keine Zeit zum Üben? Ich kenne die Ausrede von beiden Seiten. Warum fünf Minuten am Tag schon zählen und wie du das Üben an deinen Alltag koppelst.
Während meines Musikstudiums zog sich ein Muster durch, egal ob im Gesangs- oder Klavierunterricht: Ich kam immer wieder unvorbereitet in die Stunde, bewaffnet mit einer Ausrede wie „Sorry, ich hatte keine Zeit zu üben“.
Heute sitze ich auf der anderen Seite, wenn jemand zu mir kommt und erklärt, warum wieder keine Zeit war. I get it. Ich war selbst viel zu oft in der Situation.
Warum blieb die Ausrede bei mir folgenlos?
Gesang habe ich ehrlich gesagt am wenigsten geübt von allen Instrumenten, die ich gelernt habe. Ich konnte gut vom Blatt singen und habe schnell auswendig gelernt, also kamen wir trotzdem weiter. Dazu kam ein Schulmusikstudium mit vielen Baustellen, und Gesang war dort nie mein Hauptfach.
Dafür, dass ich predige, man solle jeden Tag fünf Minuten üben, tue ich das heute selbst nicht. Ich habe es aber jahrelang gemacht und bin an einem Punkt, an dem ich nicht mehr alles jeden Tag fünf Minuten üben muss. Heute übe ich dann, wenn ich merke, dass ich etwas nicht so kann, wie ich es möchte, und dann so lange, bis ich es kann.
„Nur fünf Minuten am Tag“
Mit sieben Jahren habe ich angefangen, Klavier und Geige zu spielen. Meine Eltern, beide Pianisten, achteten darauf, dass ich täglich übte. Bis heute liegt mir meine Mutter in den Ohren, ich solle mal wieder meine Geige auspacken: „Nur fünf Minuten am Tag.“
Das bezog sich gar nicht nur aufs Üben allgemein, sondern auf bestimmte Übungen, etwa schnelle Läufe, die man täglich spielen muss, damit sie drin bleiben. So sehe ich es bis heute, und so unterrichte ich auch. Die Geige hole ich trotzdem nur selten raus.
Warum wir nicht üben
„Mir ist was dazwischengekommen“, „ich hatte so viel zu tun“, „mein Hals hat gekratzt“. Dabei frage ich mich, ob es wirklich so schwierig ist, fünf Minuten am Tag in den Kalender zu quetschen. Nach meiner Erfahrung lässt sich die fehlende Motivation auf drei Unsicherheiten herunterbrechen:
- Angst vor falscher Ausführung: Mache ich alles richtig, wenn ich übe?
- Unklarheit über die nächsten Schritte: Was muss ich überhaupt tun, welche Übungen, welche Songs?
- Fehlende Sinnhaftigkeit: Warum soll ich das tun, was nützt mir das?
Jede dieser Unsicherheiten macht den Anfang ein Stück schwerer, auch wenn du eigentlich Spaß am Singen hast.
Ist Einsingen schon Üben?
Einsingen heißt für mich, warm zu werden und mir Gewissheit zu holen, dass die Dinge funktionieren, die ich heute brauche. Singen ist dabei der beste Warmmacher. Alles, was darüber hinausgeht, ist Üben, und das darfst du dir ruhig bewusst machen. Vor einer Übeeinheit darf das Einsingen schon fordern, vor dem Auftritt soll es Sicherheit geben.
Worauf kommt es beim Üben an?
Weniger darauf, wie lange oder wie intensiv du übst, sondern wie regelmäßig. Die beste Routine ist überhaupt, eine Routine zu haben. Die Inhalte sollten dabei nicht im Vordergrund stehen, sie werden sich ohnehin ändern, weil sich deine Stimme, du selbst und deine Tagesform ändern.
Disziplin heißt für mich, auf eine Belohnung zu warten: Was du heute übst, hörst du erst später. Deshalb hilft es, den Weg dorthin leichter zu machen:
- Gib dir eine kleine Belohnung direkt danach, zum Beispiel ein Häkchen auf einer Liste oder den Kaffee.
- Halte die Schwelle niedrig, fünf Minuten zählen.
- Kopple das Üben an eine Gewohnheit, die du schon hast, etwa an den Kaffee am Morgen oder ans Zähneputzen.
Zum Koppeln gibt es eine Studie von Phillippa Lally und Kolleg:innen. Darin wählten 96 Freiwillige ein neues Verhalten beim Essen, Trinken oder in der Bewegung und führten es zwölf Wochen lang täglich in derselben Situation aus, zum Beispiel nach dem Frühstück. Bis das Verhalten weitgehend automatisch lief, dauerte es nach der Hochrechnung je nach Person zwischen 18 und 254 Tagen.1 Beim Singen landet so eine Automatisierung im Muskelgedächtnis, und dann läuft die Koordination von Atem, Körperhaltung und Stimme mit weniger bewusster Anstrengung.
Was soll ich üben, und wie?
Mach dir eine Liste mit Dingen, die du verbessern willst, und den Übungen dafür. Noch besser: Schreib dir die Reihenfolge auf, dann musst du nur noch abhaken. Das Schwerste gehört dabei an den Anfang.
Wenn du eine neue Übung findest, mach sie ein paar Mal, bevor du entscheidest, sie nicht mehr zu machen. Manche Sachen brauchen Zeit, um sich einzuschleifen. Und manches ist schlicht Fleißarbeit, Verzierungen zum Beispiel: zerlegen, langsam machen und so lange wiederholen, bis es schnell geht. Das ist genauso langweilig wie Klavier üben. Eine schwierige Stelle zerlege ich mit meinem Vierschritt: Problemstelle identifizieren, auf das Simpelste reduzieren, so lange wiederholen, bis es ohne Probleme funktioniert, und dann mehr Kontext hinzufügen.
An manchen Tagen fehlt trotzdem die Lust. Für diese Tage hilft ein Fallback-Programm, das so attraktiv ist, dass du dich doch hinstellst. Bei mir war das: Ich setze mich ans Klavier und singe einen meiner Lieblingssongs, einen, den ich schon gut kann. Der funktioniert auch als Belohnung. Nach 20 Minuten Üben kommt zum Schluss der Lieblingssong, und an einem grauen Tag wird es eben nur dieser Song.
Wie lange und wie oft soll ich üben?
So lange wie möglich, so kurz wie nötig. Je länger du übst, desto mehr Wiederholungen bekommst du. Wenn du an einer Sache aber zu lange dranbleibst, lässt die Konzentration nach. Dann mach zwischendurch etwas komplett anderes, einen Chorsong oder etwas, das dir Spaß macht, und geh danach zurück.
Und wie oft? Täglich. Wichtiger ist die Frage, was passiert, wenn du es einmal nicht schaffst. In der Studie von Lally hat ein einzelner ausgelassener Tag die Gewohnheitsbildung nicht nennenswert gestört.1 Einen Tag zu überspringen, kann Zufall sein, zwei Tage lassen schon ein Muster erahnen.
Muss ich dafür am Übeplatz stehen?
Nein. Auch zehn Minuten Singen im Auto zählen. Bei Heiserkeit kannst du die wichtigsten Dinge im Kopf durchgehen.
Eine Schülerin kam eine Zeit lang immer wieder mit derselben Ausrede in den Unterricht: Sie habe nicht üben können. Trotzdem machte sie in kurzer Zeit große Fortschritte, und ich verstand die Welt nicht mehr. Irgendwann stellte sich heraus, dass sie den ganzen Tag an ihre Stimme dachte, im Hintergrund summte und im Auto und beim Staubsaugen sang. Das ist das Schöne an der Stimme: Wir haben sie überall dabei.
Übung: Fünf Minuten und ein Kästchen
Hier geht es nicht darum, wie du am besten übst, sondern dass du übst.
Ziel Eine tägliche Übe-Routine aufbauen, die auch an schlechten Tagen hält.
- Blockiere dir im Kalender für jeden Tag mindestens fünf Minuten, die du aktiv mit deiner Stimme verbringst.
- Hänge diese fünf Minuten an eine Gewohnheit, die du schon hast, zum Beispiel an den ersten Kaffee.
- Leg vorher fest, woran du arbeitest. Einfach nur zu singen, ist auch in Ordnung.
- Bestimme deinen Fallback-Song für die Tage, an denen nichts geht.
- Hake jeden Tag auf einem Tracker ab, an dem du gesungen hast. Chorproben und Unterricht zählen mit.
Was bewirkt die Übung?
- Die Schwelle zum Anfangen sinkt, weil fünf Minuten schon zählen.
- Das Häkchen ist die Belohnung, die du direkt bekommst.
- Du siehst, wo Lücken entstehen, bevor aus einem Tag zwei werden.
Häufige Fehler
- Nach einem ausgelassenen Tag die ganze Routine aufgeben, statt am nächsten Tag weiterzumachen.
- Eine neue Übung nach dem ersten Versuch verwerfen.
Häufige Fragen
Reichen fünf Minuten am Tag zum Gesang üben?+
Zum Anfangen ja. Fünf Minuten am Tag halten vor allem die Dinge, die sonst wieder verschwinden. Regelmäßigkeit bringt dir mehr als eine lange Einheit pro Woche.
Was mache ich, wenn ich einen Tag nicht geübt habe?+
Am nächsten Tag weitermachen. Ein einzelner ausgelassener Tag stört den Aufbau einer Gewohnheit kaum, zwei Tage in Folge sind eher der Anfang eines Musters.
Zählt Singen im Auto oder in der Chorprobe als Üben?+
Ja. Du musst nicht immer an deinem Übeplatz stehen, um mit deiner Stimme zu arbeiten.
Quellen
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