Artikel · Stimmtechnik im Chor
Vokale singen: warum derselbe Buchstabe anders klingt
Vokale singen heißt nicht Buchstaben singen. Warum das O in „oft“ offener ist, als du liest, und wie du den Vokal hörst, der wirklich erklingt.
Mit meinen Schüler:innen und Chören lande ich beim Thema Aussprache immer wieder am selben Punkt: Vokale sind nicht absolut. Geschriebene Vokale wie A, E, I, O und U wirken klar und eindeutig, gesprochen klingen sie dann doch anders. Häufig interpretieren wir gehörte Vokale falsch.
Wer Vokale singen will, sollte das wissen, denn am Vokal hängt mit, was die Stimme an einer Stelle technisch kann.
Warum ist das O in „oft“ kein O?
Sprich das Wort „oft“. Wahrscheinlich hörst du darin ein klares O, obwohl der gesprochene Laut viel offener ist als erwartet. In der CVT, deren Vokalnamen ich nutze, heißt dieser Laut OH, ein offenes O: Die Zunge liegt mittig-unten und hinten. Beim O, das du beim Lesen erwartest, liegt sie mittig-oben und hinten. Die Schrift hat für beide nur einen Buchstaben.
Dass wir trotzdem ein O hören, liegt an der starken Rolle der Schriftsprache. Wir haben gelernt, Sprache über Buchstaben zu verstehen und zu lesen, und das beeinflusst, wie wir Laute wahrnehmen. Vokale sortieren wir häufig in feste Kategorien, die uns aus der Schrift vertraut sind, und das macht es schwer, feine Unterschiede in der Aussprache bewusst zu hören.
Geschriebene Vokale sind also nur Modelle. Die einzige einheitliche Schreibweise für Vokale ist die Lautschrift, und die ist nicht gerade einfach zu lernen. Fließend lesen musst du sie zum Singen aber nicht. Es hilft mehr, zu wissen, wo die Zunge bei den Hauptvokalen liegt, und das zeigt dir das Vokaltrapez.
Was schiebt einen Vokal vom Buchstaben weg?
Wie ein Vokal gesprochen klingt, hängt vom Dialekt ab, von der Art, wie jemand spricht, und von den Lauten drumherum. Wie Laute miteinander verbunden werden, heißt Koartikulation. Dazu kommen die Lippenbewegungen, die wir beim Gegenüber sehen, denn auch sie beeinflussen, welchen Vokal wir wahrnehmen. Es ist also nicht einmal unser Gehör allein, das entscheidet.
Wie weit das reicht, habe ich in meiner CVT-Ausbildung in Kopenhagen erlebt. Dort wurde über einen Vokal geredet und ein anderer gesungen, auch von mir. Mein Ohr für Vokale kommt auch daher, dass ich zweisprachig mit Ungarisch aufgewachsen bin.
Was hat der Buchstabe mit der Stimmtechnik zu tun?
Für die Stimmtechnik ist der Zungenvokal maßgebend. Er entscheidet mit, welche Technik an einer Stelle überhaupt möglich ist, und je höher und lauter du singst, desto enger werden die Grenzen. Das O in „oft“ und das O, das du beim Lesen erwartest, sind zwei verschiedene Zungenvokale. Für ein offenes O gelten bei Lautstärke und Höhe andere Grenzen als für ein dunkles O: Das offene OH geht in Overdrive, das dunkle O in Curbing.
Manchmal verschiebt man einen Vokal beim Singen auch bewusst. Im gesprochenen Englisch klingt das o in „love“ fast wie ein a. Beim Singen wird es häufig in ein offenes O verschoben, um Techniken wie Overdrive zu erleichtern. Das stört die Verständlichkeit kaum, solange der Kontext klar bleibt, denn wir bringen eine erstaunliche Toleranz für Textverständnis mit. Wenn wir lernen, solche Unterschiede zu erkennen, können wir Vokale besser analysieren und gezielt einsetzen, in der Sprache und im Gesang.
Beim Hinhören kommt noch die Lippenrundung dazu. Sie verändert, wie wir den Zungenvokal darunter wahrnehmen. Deshalb analysiere ich Vokale fürs Singen ohne ihre Rundung.
Wir nutzen Sprache intuitiv richtig, auch beim Singen. Wenn du selten Schwierigkeiten hast, musst du dich damit nicht aufhalten. Gibt es aber Töne, die du nicht so hinbekommst, wie du sie möchtest, lohnt sich der Blick auf den Vokal, und dafür sind die beiden Übungen gedacht.
Übung: Der Konsonanten-Filter
Ziel Die Vokale hören, die wirklich in einem Text stecken.
- Nimm einen kurzen Text, zum Beispiel eine Stelle aus einem Song.
- Sprich ihn und lass alle Konsonanten weg, als würdest du einen Konsonanten-Filter aktivieren.
- Distanziere dich dabei so weit wie möglich von der Schriftsprache. Die Vokale deiner Aussprache sollen exakt gleich bleiben, auch wenn die Konsonanten weg sind.
- Mach dasselbe beim Singen.
Die Versuchung ist groß, dich dabei doch auf die Schrift zu beziehen. Dann ist der Lerneffekt weg.
Was bewirkt diese Übung?
- Du hörst die Vokale, die in einem Text schlummern, statt der Buchstaben.
- Vokale, die anders klingen als ihr Buchstabe, fallen auf.
In der Chorprobe trennt der Konsonanten-Filter Vokalprobleme von Artikulationsproblemen und macht uneinheitliche Aussprache hörbar.
Übung: Mit geschlossenen Zähnen sprechen
Ziel Alle Vokale wirklich mit der Zunge formen.
- Such dir einen Text aus einem Song oder einen Zungenbrecher, zum Beispiel: „Zwischen zwei Zwetschgenzweigen sitzen zwei zwitschernde Zwergschwalben.“
- Sprich ihn mit geschlossenen Zähnen.
Was bewirkt die Übung?
- Die intuitive Rundung der Lippen beim Sprechen wird schwerer.
- Du musst alle Vokale mit der Zunge formen und hörst, was sie allein macht.
Mit der ganzen Stimmgruppe geht das als Bauchreden und Bauchsingen.
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Häufige Fragen
Warum klingt das O in „oft“ nicht wie ein O?+
Der gesprochene Laut ist viel offener, als du beim Buchstaben erwartest, die Zunge liegt tiefer. Wir hören trotzdem ein O, weil wir Vokale häufig in feste Kategorien sortieren, die uns aus der Schrift vertraut sind.
Muss ich Lautschrift lernen, um Vokale richtig zu singen?+
Nein. Die Lautschrift ist zwar die einzige einheitliche Schreibweise für Vokale, aber fürs Singen hilft es mehr, zu wissen, wo die Zunge bei den Hauptvokalen liegt, und zu hören, welcher Vokal wirklich erklingt.
Darf ich einen Vokal beim Singen anders singen, als er gesprochen wird?+
Ja. Wir bringen eine erstaunliche Toleranz für Textverständnis mit. Das o in „love“ wird beim Singen häufig in ein offenes O verschoben, um Overdrive zu erleichtern, und der Text bleibt verständlich, solange der Kontext klar ist.
Wie höre ich, welcher Vokal wirklich erklingt?+
Mit dem Konsonanten-Filter: Lass die Konsonanten weg und sprich oder singe nur die Vokale, ohne dich an der Schrift zu orientieren.
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