Artikel · Chorklang und Probendiagnose
Hohe Stellen im Chor stabil proben
Hohe Stellen im Chor: Vokal prüfen, Falsett erkennen, wenig verändern. Woran Sänger:innen selbst merken, dass sie raus sind, und eine Übung dazu.
Wenn eine hohe Stelle im Chor wackelt, liegt die Ansage „mehr“ nahe: mehr Energie, mehr Support, mehr Mut. Energie brauchen hohe und laute Passagen tatsächlich, eher mehr als weniger. Als Ansage an eine ganze Stimmgruppe kann „mehr“ aber am Problem vorbeigehen, weil sie nicht sagt, wo die Energie hin soll.
Bevor ich an einer hohen Stelle nach mehr Kraft frage, schaue ich deshalb auf zwei Dinge: welcher Vokal dort wirklich erklingt und ob die Stimmgruppe im Falsett landet. Für beides brauche ich Ansagen, die im Chor funktionieren.
Was in der Höhe enger wird
Je höher und lauter es wird, desto enger werden die Grenzen für den Vokal: Manche Vokale gehen dort laut, andere nicht. Deshalb prüfe ich den Vokal zuerst.
Luft, Lautstärke und Klangfarbe prüfst du mit den vier Fragen aus der Probendiagnose, die ausdrücklich keine Reihenfolge sind. Bei hohen Stellen steckt hinter der Luftfrage für mich aber eine andere: Singen die Stimmen dort im Falsett oder nicht?
Falsett oder Stimmbandkontakt?
Das Falsett ist kein Fehler, ich singe selbst viel darin. Die Frage ist, ob eine Stimmgruppe es an einer hohen Stelle wählt oder ob sie darin landet, weil sie nichts anderes gewohnt ist.
Im Sopran höre ich es immer wieder, gerade wenn es hoch wird: alles im Falsett und eher klassisch gedacht. Das ist eine Gewohnheit aus der Tradition, aus der wir kommen, der klassischen Chormusik. Für einen Popsound müssen wir da aber raus.
Im Falsett bleiben die Stimmlippen in jeder Schwingung länger offen als in der Bruststimme.1 Vom Pult aus höre ich es deshalb zuerst an der Luft im Klang.
Woran die Sänger:innen es selbst merken
Weil ich nicht bei allen einzeln stehen kann, braucht jede:r ein Zeichen, an dem man selbst merkt, dass man aus dem Falsett heraus ist. Das deutlichste Zeichen ist die körperliche Anstrengung. Wer bisher fast nur im Falsett gesungen hat, für den fühlt sich alles andere unfassbar anstrengend an, körperlich und stimmlich. Das Falsett braucht deutlich weniger Muskelarbeit als alles andere.
Dazu kommt der Klang. Die Stimme klingt lauter und voller, und beschrieben wird er fast immer als „schöner“, „massiger“ oder „voller“. Weil die Umstellung so ungewohnt ist, kann die Stimme dabei auch schnell ermüden.
Für die Probe heißt das: Wenn es sich an der hohen Stelle anstrengender anfühlt als vorher, ohne dass Mund oder Kehlkopf ausweichen, liegt die Gruppe wahrscheinlich richtig. Ungewohnt und anstrengend ist genau das, wonach wir suchen. Die Grenze ist der Schmerz. Kratzen, Husten oder Heiserkeit gehören nicht dazu.
So wenig wie möglich verändern
Der Knackpunkt ist für mich inzwischen, am Stimmapparat während des Singens so wenig wie möglich zu ändern. Wenn es hoch geht, nicht die Mundwinkel verziehen, den Kehlkopf nicht zu sehr herunterziehen, keine anderen Ausgleichsbewegungen. Idealerweise bleibt alles, wie es ist, wie beim Sprechen, auch wenn du etwas höher und lauter singst.
Dazu gehört der Mund. In der Höhe soll er nicht so weit aufgehen, weil ein offener Mund tendenziell ins Falsett zieht. Für Overdrive gilt das nicht, dort darf der Mund vertikal weiter aufgehen.
Übung: Aus der Tiefe hochziehen
Was hilft, ist aus der Tiefe zu kommen. Die Übung nimmt den Wechsel aus dem Vocal Fry in einen Ton mit nach oben. Eine Prozentskala für den Luftanteil nehme ich dafür nicht. Wenn es darum geht, das Falsett zu vermeiden, würde sie alles erschweren.
Ziel Mit Stimmbandkontakt in der Lage der hohen Stelle ankommen, statt dort ins Falsett zu wechseln.
- Setzt einen tiefen, bequemen Ton mit Vocal Fry an.
- Lasst aus dem Fry einen Ton ohne hörbare Luft werden.
- Zieht diesen Ton nach oben, in Richtung der Lage, in der die hohe Stelle liegt.
- Lasst dabei Mund, Mundwinkel und Kehlkopf so, wie sie unten waren.
- Klappt es nicht, geht zurück zu den Basics: Vocal Fry, Creaking, Töne mit Vocal Fry ansingen.
Was bewirkt die Übung?
- Der Ton beginnt mit Stimmbandkontakt, und die Gruppe nimmt ihn mit in die Höhe, statt oben neu anzusetzen.
- Die Sänger:innen spüren, wie viel anstrengender sich die Höhe ohne Falsett anfühlt, und haben damit ihr eigenes Zeichen.
Häufige Fehler
- Beim Hochziehen geht der Mund auf, und die Stimme zieht wieder ins Falsett.
- Beim ersten Anstrengungsgefühl zurück ins Falsett gehen. Die Anstrengung ist hier das Zeichen, dass es klappt.
Die Ansage im Chor
In meinen Proben breche ich Erklärungen an so einer Stelle auch bewusst ab, weil zu viel Begründung verwirrt. Erst einmal soll es richtig sein. In einem Technikblock haben wir einmal dreizehn Minuten lang daran gearbeitet, nicht im Falsett zu singen, und ich habe dabei kein einziges Fachwort gebraucht.
An einer hohen Stelle nehme ich nur die Ansage, die dort etwas verändert, und mache sie vor. Sinkt die Stelle zusätzlich, liegt die unsaubere Intonation in der Regel nicht am Gehör. Transponierst du die Stelle nach unten und sie klingt dort sauber, hören die Sänger:innen die Töne, und die Aufgabe liegt bei der Stimme.
Klangfragen aus der Probe mitbringen
Im ChoirAccelerator nimmst du das Gelernte direkt in die Probe mit, mit Gruppencoachings alle zwei Wochen und einer Warm-up-Sammlung für die Probe.
Häufige Fragen
Woran höre ich vom Pult, dass eine Stimmgruppe im Falsett ist?+
An mehr Luft im Klang. Der Ton klingt lascher und hohler, und man sieht den Sänger:innen an, dass sie körperlich wenig aktiv sind.
Woran merkt man selbst, dass man nicht mehr im Falsett singt?+
An der körperlichen Anstrengung, das ist der eindeutigste Indikator. Dazu klingt die Stimme lauter und voller. Anstrengend darf es sein, wehtun nicht.
Was tun, wenn eine Stimmgruppe immer wieder ins Falsett geht?+
Zurück zu den Basics: Vocal Fry, Creaking, Töne mit Vocal Fry ansingen und von dort ohne Luft hochziehen. Das braucht Gewöhnung und Zeit.
Quellen
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