Artikel · Chorklang und Probendiagnose
Probendiagnose: in welcher Reihenfolge du nach dem Problem suchst
Eine Chorstelle läuft nicht? Erst die Stelle finden, dann vier Fragen, der Vokal ohne Konsonanten und eine Reihenfolge fürs Probenwochenende.
Wenn in einer Probe zwanzig Stellen wackeln, nehme ich mir trotzdem eine vor und wiederhole sie so oft richtig, bis sie sitzt. Die Frage, in welcher Reihenfolge du nach dem Problem suchst, fängt für mich deshalb bei der Stelle an und nicht beim Klang.
Meine Antwort ist also: Erst die Stelle finden, dann überlegen, was dort zum Ziel führt, und nur die Parameter nutzen, die dafür relevant sind. Die Lautstärke denke ich dabei mit, weil sie Kompression und Vokal mitbestimmt.
Erst die Stelle finden
Die ersten beiden Schritte von dem, was ich strategischen Stumpfsinn nenne, sind genau diese Suche: Problemstellen identifizieren und sie auf das Simpelste reduzieren. Erst dann wird wiederholt, bis es ohne Probleme funktioniert, und erst dann kommt wieder mehr Kontext dazu.
Welche vier Fragen stellst du an die Stelle?
Hast du die Stelle, geht es darum, was dort passiert. Dafür nutze ich vier Fragen, formuliert für die eigene Stimme:
- Wie viel Luft verwende ich?
- Wie laut singe ich?
- Welchen Vokal nutze ich?
- Wie hell oder dunkel singe ich?
Dahinter steht das Kürzel K.L.A.R., also Kompression, Lautstärke, Anpassung der Vokale und Resonanz. Mit denselben vier Parametern navigierst du auch Registerübergänge.
Im Chor rate ich, nicht zu viel zu erklären, sondern einfach vorzumachen und nur die Parameter zu nutzen, die zum Ziel führen. Für den Chor habe ich dieselben vier Fragen als Ansagen formuliert:
- Könnt ihr an dieser Stelle mit weniger Luft auf der Stimme singen?
- Könnt ihr ein wenig lauter?
- Lasst uns den Vokal an dieser Stelle so formen, dass wir damit etwas lauter singen können.
- Können wir die Klangfarbe hier etwas dunkler färben?
Die Klangfarbe veränderst du über einzelne Regler, am stärksten über Twang, Kehlkopfposition und Mundwinkel.
Kann man immer nur eine Sache verändern?
Die vier Fragen sind keine Reihenfolge. Lautstärke ist für mich der zentrale Parameter, der alles beeinflusst: die Wahl des Vocal Modes, die Kompression und die Anpassung der Vokale. Dazu gehören zwei Regeln:
- „Um lauter zu singen, benötige ich mehr Kompression, also keine hörbare Luft auf der Stimme“
- „Will ich lauter singen, muss ich bei den Vokalen aufpassen“
Und als Kontrolle: „Metall ist ein super Indikator, um herauszufinden, ob ich lauter singe.“ Wer an einer Stelle lauter singen lässt, muss also Luft und Vokal mit anpassen. Geh alle vier Parameter durch und entscheide dich für eine Kombination. Beispielsweise kann es schon reichen, weniger Luft auf die Stimme zu geben und dann ein wenig lauter zu singen.
Welcher Vokal wird wirklich gesungen?
Beim Vokal steht dir die Schrift im Weg. Vokale sind nicht absolut, und gehörte Vokale interpretieren wir häufig falsch. Die einzige einheitliche Schreibweise für Vokale ist die Lautschrift, und die ist nicht gerade einfach zu lernen.
Um die wahren Vokale zu erkennen, die in einem Text schlummern, lässt du die Konsonanten weg, als würdest du einen Konsonanten-Filter aktivieren. Das geht beim Sprechen und beim Singen. Die Versuchung ist groß, sich dabei auf die Schriftsprache zu beziehen, aber dann ist der Lerneffekt weg.
Diese Vokalarbeit ist in der Probe Stimmtechnik, nicht nur Aussprache.
Wenn die Ursache ganz woanders liegt
Wie weit die Ursache von der Stelle weg sein kann, an der du sie hörst, habe ich selbst per Zufall gemerkt. Wir wollten das Falsett isolieren, um zu verstehen, wie es funktioniert. Als es dann alle vermieden haben, waren die meisten Intonationsprobleme, die vorher da waren, fast vollständig aufgelöst. Die schiefe Intonation war nur ein Symptom. Ab da wusste ich, dass ich mich mit dem Thema bis dahin nicht ausreichend intensiv beschäftigt hatte.
Eine Reihenfolge für das Probenwochenende
Eine Reihenfolge gibt es bei mir auch eine Ebene höher, in der Planung. Für ein Probenwochenende einige Wochen vor einem Konzert habe ich dasselbe Repertoire zweimal sortiert. Einmal die neun Songs nach Priorität, jeweils mit dem, was zu tun ist. Beim wichtigsten Song steht: „Sichern, Routine aufbauen, Fragen klären, Hauptstimmen putzen“. Und einmal nach Themen:
- Routine
- Hauptstimmen
- Klang
- Groove
Am Samstagabend sind 90 Minuten für offene Problemstellen reserviert. Das Ziel steht ganz oben: „Klarer Probenfokus für die kommenden 3 Proben bis zum Konzert.“
Für die nächste Probe: Such dir eine Stelle aus, die wackelt, reduzier sie auf das Simpelste und stell erst dann die vier Fragen.
Klangfragen aus der Probe mitbringen
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Häufige Fragen
Wo fange ich an, wenn eine Chorstelle nicht funktioniert?+
Bei der Stelle selbst. Finde die Problemstelle und reduzier sie auf das Simpelste, bevor du am Klang arbeitest. Erst dann wird wiederholt und wieder Kontext dazugenommen.
Welche vier Fragen helfen bei einer schwierigen Stelle?+
Die vier Parameter aus K.L.A.R.: Kompression, Lautstärke, Anpassung der Vokale und Resonanz. Im Chor als Ansagen: Könnt ihr an dieser Stelle mit weniger Luft auf der Stimme singen? Könnt ihr ein wenig lauter? Lasst uns den Vokal an dieser Stelle so formen, dass wir damit etwas lauter singen können. Können wir die Klangfarbe hier etwas dunkler färben?
Sollte ich immer nur einen Parameter verändern?+
Die Lautstärke beeinflusst die Kompression und die Vokale mit. Wer lauter singen will, braucht mehr Kompression und muss bei den Vokalen aufpassen. Geh alle vier Parameter durch und entscheide dich für eine Kombination.
Wie finde ich heraus, welcher Vokal wirklich gesungen wird?+
Lass die Konsonanten weg, beim Sprechen und beim Singen, und orientier dich dabei nicht am Schriftbild. Was übrig bleibt, sind die Vokale, die tatsächlich erklingen.
In welcher Reihenfolge plane ich ein Probenwochenende vor einem Konzert?+
In einem meiner Pläne stehen die Themen in dieser Reihenfolge: Routine, Hauptstimmen, Klang, Groove. Dazu kommt ein Block von 90 Minuten für offene Problemstellen.
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