Artikel · Registerübergänge, hohe Töne und Vocal Modes navigieren
Klangfarbe beim Singen verändern: was Twang, Lippen und Zunge mitverändern
Twang zieht den Vokal Richtung EH, Lippenrundung stabilisiert, die Zunge formt den Vokal. Was sich beim Verändern der Klangfarbe alles mitverändert.
Die Klangfarbe ist bei mir die vierte von vier Fragen: Wie viel Luft verwende ich? Wie laut singe ich? Welchen Vokal nutze ich? Wie hell oder dunkel singe ich? Im K.L.A.R.-System ist das das R, die Resonanz. Die vier hängen zusammen: Die Lautstärke bestimmt mit, welche Vokale und Klangfarben überhaupt funktionieren. Hier geht es um die vierte Frage und darum, warum sie selten allein beantwortet wird.
Sechs Regler, ein Raum
Die Klangfarbe deiner Stimme wird maßgeblich durch Größe und Form des Resonanzraums bestimmt, also durch den Raum oberhalb der Stimmbänder. Ist er größer, klingt es dunkler, ist er kleiner, klingt es heller.

Verändern kannst du ihn über sechs Regler: Twang, Gaumensegel, Mundwinkel, Nasengang, Kehlkopfposition und Zunge. Am stärksten wirken Twang, Kehlkopfposition und Mundwinkel. Die Regler hängen aneinander: Wenn du gähnst, geht der Kehlkopf runter, das Gaumensegel hebt sich, und die Zunge zieht sich zurück.
Twang, Lippenrundung und Zunge verändern aber mehr als die Farbe. Beim Regler Mundwinkel geht es um die Lippen, gerundet oder breit.
Twang zieht den Vokal mit
Twang verengt den Resonanzraum, der Klang wird heller, fokussierter und schärfer. Dieselbe Verengung erzeugt einen Gegendruck zum Luftstrom, und der stabilisiert die Schwingung der Stimmlippen. Twang trainierst du also für beides, für die Klangfarbe und für mehr Stabilität.
Außerdem verändert er den Vokal. Je mehr du einen Vokal twangst, desto mehr geht er tendenziell Richtung EH, weil sich mit zunehmendem Twang die Zungenform verändert. Ein Regler für die Klangfarbe greift damit in das A von K.L.A.R. ein, die Anpassung der Vokale. Und nicht jeder Vokal lässt sich gleich leicht twangen. Beim Twang-Training sind Vokale wie O und U deutlich schwerer als hellere Vokale wie E und AH. An- und ausschalten musst du den Twang dabei nicht, du dosierst ihn: Schon 10 bis 20 Prozent mehr Twang können einen deutlichen stimmlichen Unterschied machen.
Lippenrundung färbt und stabilisiert
Gerundete Lippen machen den Klang dunkler, stabilisieren über die kleinere Mundöffnung die Schwingung der Stimmbänder und verändern, wie du den Zungenvokal darunter hörst. Deshalb trenne ich Zungenvokal und Lippenrundung fürs Singen.
Für den Chor heißt das: Der Stimmklang wird einheitlicher, wenn wir auf weniger starke Lippenrundung achten. Mit starker Rundung ist der Grundvokal nicht immer eindeutig, und wir ändern von Vokal zu Vokal auch die Klangfarbe.
Die Zunge ist Farbe und Vokal zugleich
Eine breite Zunge hellt den Klang auf, eine komprimierte macht ihn dunkler. Die Zunge, mit der du färbst, ist dieselbe, die den Zungenvokal formt. Und der Zungenvokal ist maßgeblich dafür verantwortlich, welche Gesangstechnik du an einer Stelle anwenden kannst. Je höher und lauter du singst, desto enger werden diese Grenzen.
Umgekehrt hängt die Klangfarbe auch am gewählten Vokal: Geschlossene Vokale wie „Ih“ und „Uh“ eignen sich besser für leisere und kontrollierte Klangfarben. Für hohe Töne in großer Lautstärke bleiben nur das offene O, das entspannte Ä, E und Ö.
Eine Kombination statt eines Reglers
Weil die Regler an den anderen Parametern hängen, gilt für die Anwendung von K.L.A.R.: Geh einfach alle vier Parameter durch und entscheide dich für eine Kombination. Beachte dabei die Regeln, die für bestimmte Lautstärken bestehen.
Die Klangfarbe ist darin eine von vier Entscheidungen. Für eine schwierige Stelle heißt das: Leg fest, wie laut, welcher Vokal, wie viel Luft und welche Klangfarbe, und übe die Stelle dann in genau dieser Kombination. Bei einem schweren Registerübergang fängst du in einer angenehmeren Lage an und gehst von dort Schritt für Schritt höher.
Wenn es dich überfordert, dir beim Singen gleichzeitig zuzuhören und nachzudenken, nimm dich auf. Hinterher kannst du in Ruhe analysieren, welche Stellschrauben an der Stelle in Frage kommen.
Im Chor
Im Chor rate ich, nicht zu viel zu erklären, sondern vorzumachen und nur die Parameter zu nutzen, die an der Stelle zum Ziel führen. Gehört die Klangfarbe dazu, zeigt ein Bild die Richtung. Für eine dunklere Farbe sage ich: „Können wir die Klangfarbe hier etwas dunkler färben? Bitte fühlt euch wie der Weihnachtsmann, fühlt, wo euer Kehlkopf liegt und behaltet dieses Gefühl beim Singen bei.“ Die anderen drei Chor-Ansagen fragen nach weniger Luft auf der Stimme, nach etwas mehr Lautstärke und nach einem Vokal, mit dem ihr lauter singen könnt.
CVT im Chor · Kostenlose Masterclass
Lerne in 60 Minuten, wie du die wichtigsten CVT-Konzepte auf deine Chorarbeit überträgst, mit Übungen für Probe und Unterricht.
Häufige Fragen
Welche Regler verändern die Klangfarbe beim Singen?+
Twang, Gaumensegel, Mundwinkel, Nasengang, Kehlkopfposition und Zunge. Sie verändern Größe und Form des Resonanzraums oberhalb der Stimmbänder. Am stärksten wirken Twang, Kehlkopfposition und Mundwinkel.
Sollte ich immer nur einen Regler verändern?+
Zum Ausprobieren kannst du das. Beim Singen ziehen viele Regler aber andere Parameter mit. Twang verändert den Vokal, die Lippenrundung die Stabilität, die Zunge den Zungenvokal. Geh deshalb lieber alle vier Parameter durch und entscheide dich für eine Kombination.
Verändert Twang den Vokal?+
Ja, tendenziell. Je mehr du einen Vokal twangst, desto mehr geht er Richtung EH, weil sich die Zungenform mit zunehmendem Twang verändert.
Warum klingt ein Chor mit weniger Lippenrundung einheitlicher?+
Mit starker Rundung ist der Grundvokal nicht immer eindeutig, und weil die Rundung dunkler färbt, ändert sich von Vokal zu Vokal auch die Klangfarbe.
Verwandte Artikel
Registerübergänge, hohe Töne und Vocal Modes navigierenStimmtechnik im Chor
Stimmsitz und Resonanz: was du spürst und was den Klang formt
Stimmsitz ist ein Gefühl, geformt wird der Klang im Vokaltrakt. Warum der Sitz nicht immer vorne liegt und welche Regler die Klangfarbe verändern.
5 Min
Registerübergänge, hohe Töne und Vocal Modes navigieren
Twang beim Singen: Wirkung und sinnvolle Dosierung
Was ist Twang beim Singen? Erfahre, wie Twang die Stimme stabilisieren und die Klangfarbe verändern kann und warum Twang nicht dasselbe wie Metall ist.
4 Min
Stimmtechnik im Chor
Vokalarbeit im Chor ist Stimmtechnik, nicht nur Aussprache
Welcher Vokal erklingt, entscheidet mit, was eine Stimme in der Höhe kann. Warum Vokalarbeit im Chor Stimmtechnik ist, mit Übung für die Probe.
5 Min
Newsletter
Nichts mehr verpassen.
Frameworks, Checklisten und Analysen direkt in dein Postfach. Kommt, wenn ich was zu sagen hab. Nicht öfter.