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Zu viel oder zu wenig Stütze
Bei der Stütze geht es weniger um Kraft als um das Maß. Warum sie sich mit jedem Fortschritt neu justiert und wie Bewegung gegen Verspannung hilft.
Die sagenumwobene Stütze. Da hat man mal das Gefühl, sie richtig einsetzen zu können, und im nächsten Moment weiß man wieder nicht, wie sie eigentlich funktioniert. Für mich liegt die Schwierigkeit weniger darin, welche Muskeln du anspannst, als im Maß. Die Dosierung der Stützenergie ist die eigentliche Herausforderung beim Singen.
Schon das Wort „Stütze“ trägt meiner Meinung nach zur Verwirrung bei. Dazu weiter unten mehr. Mit Support ist gemeint, die Ausatmung so zu dosieren, dass die Stimmlippen genau den Luftdruck bekommen, den sie für den Ton brauchen.
In meiner CVT-Ausbildung in Kopenhagen stand die Stütze ganz am Anfang. Nach der ersten Einheit fühlten wir uns stark und sicher, fast alle Probleme schienen allein mit dem richtigen Support lösbar. Beim nächsten Seminar gaben wir alle viel zu viel, und das zog alle möglichen anderen Probleme nach sich. Fast eineinhalb Jahre waren wir danach vor allem damit beschäftigt, den Kraftaufwand wieder zu reduzieren.
Warum ist die Dosierung so schwer?
Dass die Dosierung auch für erfahrene Sänger:innen eine Herausforderung ist und bleibt, mich eingeschlossen, hat zwei Gründe.
Erstens müssten wir beim Singen theoretisch permanent wissen, wie viel Energie der Ton oder die Phrase gerade braucht, damit wir sie sicher singen können. Tonhöhe, Lautstärke, Vocal Modes, Vokale und Effekte spielen dabei mit. Wir müssten also prognostizieren, wie viel Energie wir insgesamt brauchen, und damit haushalten.
Zweitens brauchst du für eine Fertigkeit mit der Zeit weniger Energie, je besser du sie kannst, zum Beispiel für hohe Passagen. Üben heißt auch, effizienter zu werden. Deshalb musst du deine Stützenergie immer wieder anpassen, je besser du wirst.
Dazu kommt: Es gibt zwar eindeutige Muskeln für die dosierte Ausatmung, aber wir können nicht alle Muskeln bewusst steuern. Manches funktioniert nur nach Gefühl, und die Lösung kann von Situation zu Situation anders aussehen. Deshalb gibt es die eine Atemtechnik für alles nicht.
Was beim Stützen passiert
Man sagt immer, die „richtige Atmung“ sei so wichtig fürs Singen. Das ist stark vereinfacht. Die normale Ruheatmung reicht beim Singen nur in eine Richtung, beim Einatmen. Beim Ausatmen wollen wir die Stimme benutzen, und dafür müssen wir die Atmung führen und die Luft dosieren.
Die Stimmlippen funktionieren ähnlich wie ein Ventil. Unter ihnen baut sich Druck auf, sobald Luft aus der Lunge nach außen will. Ist dieser Druck zu hoch oder zu gering, verlieren wir die Kontrolle.
Stell dir einen Luftballon vor, dessen Öffnung du so zusammenziehst, dass ein leiser Ton entsteht. Die Balance zu finden, bei der dieser Ton entsteht, ist gar nicht so einfach. Beim Singen sind die Stimmlippen die Öffnung des Ballons, und dein Rumpf sind die Hände, die die Luft herausdrücken.
Beim Einatmen senkt sich das Zwerchfell, der Bauch wölbt sich nach außen, die Rippen weiten sich, und dabei entsteht eine Spannung. Lösen wir sie einfach, atmen wir automatisch aus, und beim Singen läge dieser Druck ungebremst auf den Stimmlippen. Wir wollen aber Kontrolle und keine Druckpunkte. Deshalb lassen wir die Rippen geweitet und ziehen den Bauch mit der Bauchmuskulatur kontrolliert ein. So bestimmen wir, wie schnell das Zwerchfell zurückkehrt und wie viel Luft austritt.
Diesen Ablauf musst du nicht bei jedem Ton bewusst abspulen. Aber wenn du ihn verstehst, verstehst du auch, was mit Stütze gemeint ist und warum manche Übungen funktionieren und andere nicht. Das Zwerchfell selbst steuerst du dabei nicht bewusst, steuern kannst du die Atembewegung. Und an der arbeiten Bauch, Rippen und Rücken zusammen.
Was macht Verspannung mit der Stimme?
Der Körper ist ein System, in dem alles zusammenhängt. Konzentrieren wir uns nur auf einen Punkt, spannen wir möglicherweise einen anderen an, ohne es zu merken.
Um den Kehlkopf herum, am Hals entlang, liegen die sogenannten Schlundschnürer. Diese Muskeln brauchen wir zum Schlucken, sie sind auch dabei, wenn wir einen Kloß im Hals spüren, und sie schützen den Kehlkopf. Verspannt sich der Körper unkontrolliert, an welcher Stelle auch immer, legen sie sich wie ein Airbag um den Stimmapparat. Mit aktivierten Schlundschnürern ist es schwer zu singen.
Wie sich das anfühlt, merkst du, wenn du versuchst, etwas sehr Schweres anzuheben, ein Klavier zum Beispiel, und dabei zu singen. Das funktioniert nicht wirklich. Wo eine Verspannung sitzt, findest du über einen Vergleich: Sing eine Stelle einmal wie immer und dann mit einer Bewegung, zum Beispiel mit rollenden Schultern, und achte darauf, was dir leichter fällt.
Warum Bewegung statt Entspannung?
Kannst du auf Knopfdruck deine Schultern entspannen? Oder deinen Oberarm? Die Antwort, die ich darauf bekomme, lautet: irgendwie ja, aber irgendwie auch nicht so richtig.
Ob ein Muskel entspannt ist, lässt sich schwer kontrollieren. Ist er in Bewegung, ist es nahezu unmöglich, ihn zu verkrampfen. Deshalb sage ich: Das Gegenteil von Verspannung ist nicht Entspannung, sondern Bewegung.
Aus diesem Grund sage ich statt „Stütze“ lieber Bewegungsenergie oder Stützenergie. Wenn jemand „mehr Stütze“ verlangt, darf der Reflex darauf nicht Anspannung sein. Er muss Bewegung enthalten.
Solange du singst, muss deshalb unterhalb des Halses irgendeine Bewegung stattfinden, und wenn es nur das aktive Einziehen des Bauches ist. Bewegung lenkt außerdem ab: Dein Gehirn kann nicht über jede Bewegung aktiv nachdenken, und es fällt dir leichter, gedanklich loszulassen. Ich nutze vor allem drei Bewegungen: Arme hoch, Schütteln und Marschieren.
Ob diese Bewegung da ist, prüfst du mit dem Griff in die Taille: Du drückst die Kanten der Zeigefinger in den weichen Bereich zwischen Rippen und Hüftknochen und schiebst die Hände beim Ausatmen auf „ff“ nach außen. Finden kannst du den Griff über ein leichtes Husten: Dabei drücken die Bauchmuskeln deine Finger nach außen, und diese Bewegung erzeugst du dann bewusst ohne Husten.
Wie trainierst du deine Stützenergie?
Bevor es um Übungen geht, lohnt die Frage, was du eigentlich erreichen willst. In erster Linie sind es drei Dinge: mehr Ausdauer (mehr Luft, mehr Lautstärke, längere Töne), mehr Sicherheit (stabile Töne, Intonation) und weniger Verspannung. Daraus ergeben sich drei Prinzipien.
- Ausdauer: Trainiere Ausatmung und Töne auf Länge. Sing Töne so lange wie möglich und achte dabei mit dem Griff in die Taille auf die Stütze.
- Nachfragen: Frag dich beim Singen immer wieder, ob du ausreichend stützt, und prüf mit dem Griff, ob genug Bewegung da ist. Mach Griff und Frage zum Reflex. So wirst du sicherer und spürst deine Stützmuskulatur feiner.
- Bewegung: Beweg dich, und zwar nicht nur in der Hüfte. Nimm Schultern, Arme, Hände, Beine und Füße dazu, probier Tanzschritte oder andere Bewegungen aus. Schau im Spiegel oder auf Videoaufnahmen nach, ob und wie viel du dich bewegst.
Übung: Reifen-Platt
Mit dieser Übung arbeitest du dauerhaft an der Effizienz deiner Stütze. Du brauchst dafür den Griff in die Taille, eine Stoppuhr und jeden Tag fünf Minuten.
Ziel Eine Ausatmung auf „ff“ so lange wie möglich dosiert halten und den Fortschritt messen.
- Leg die Hände in die Taille wie beim Griff oben.
- Atme alles aus.
- Lass die Luft von selbst wieder einströmen, ohne sie bewusst einzuziehen.
- Atme auf „ff“ aus und halte die Ausatmung so lange wie möglich.
- Miss die Zeit mit der Stoppuhr. Das Ziel sind bis zu 40 bis 60 Sekunden am Stück.
- Trag deine Zeiten in eine Tabelle ein, damit du den Fortschritt siehst.
Was bewirkt die Übung?
- Du trainierst, die Luft über eine lange Ausatmung zu dosieren.
- Du arbeitest an der Ausdauer, dem ersten der drei Ziele oben.
- Die Tabelle zeigt dir, ob du effizienter wirst.
Häufige Fragen
Kann man zu viel stützen?+
Ja. In meiner Ausbildung haben wir nach den ersten Einheiten alle zu viel gegeben und fast eineinhalb Jahre gebraucht, um den Kraftaufwand wieder zu reduzieren. Es kommt auf die Dosierung an.
Warum muss ich die Stütze immer wieder neu justieren?+
Je besser du eine Fertigkeit kannst, desto weniger Energie braucht sie. Deshalb verschiebt sich das richtige Maß an Stützenergie mit jedem Fortschritt.
Was ist das Gegenteil von Verspannung beim Singen?+
Bewegung. Einen Muskel auf Knopfdruck zu entspannen ist schwer, einen Muskel in Bewegung zu verkrampfen dagegen nahezu unmöglich.
Wie lange sollte ich auf „ff“ ausatmen können?+
Bei der Reifen-Platt-Übung sind bis zu 40 bis 60 Sekunden am Stück das Ziel. Miss mit der Stoppuhr und schreib deine Zeiten auf.
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