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Die 15 häufigsten Probleme beim Singen

Dieser Artikel stellt 15 häufige Probleme vor, auf die Sänger:innen im Laufe ihrer Entwicklung stoßen: von Stütze und Lautstärke über Üben und Lampenfieber bis hin zu Falsett und Stilfindung. Ziel ist es, typische Muster sichtbar zu machen und ein besseres Verständnis für die eigenen stimmlichen Hürden zu entwickeln.

  • 18.03.2024
  • 7 Min
  • Thema: Stimmtechnik im Chor

Beim Singen stoßen wir immer wieder auf Barrieren und Hürden, die unsere Gesangsstimme und unseren Fortschritt blockieren. Wie sagt man so schön:

"Das Lösen eines Problems führt nur zur Erkenntnis vieler weiterer Probleme."

Oder wie ich es auch gerne umformuliere:

Je besser wir werden, desto differenzierter erkennen wir weitere Lücken und Hindernisse.

Dadurch, dass wir uns weiterentwickeln, erhöhen wir sozusagen die „Auflösung“, mit der wir unsere Fähigkeiten beobachten.

Mit dieser Perspektive im Hinterkopf möchte ich, dass du die folgenden Punkte liest. Listen und Lösungsansätze wie diese sind immer eine Vereinfachung komplexer und individueller Herausforderungen. Trotzdem glaube ich, mit meiner mehr als 10-jährigen Erfahrung als Sänger, Vocal Coach und Chorleiter einige Muster erkannt zu haben, die mir bei meinen Schülern (und mir selbst) immer wieder auffallen.

In diesem Artikel geht es daher um die, meiner Erfahrung nach, 15 häufigsten Probleme, auf die wir beim Singen früher oder später stoßen.

Einige wirst du möglicherweise schon gehört haben, andere könnten für dich aber vielleicht auch neu sein.

Problem Nr. 1: Zu viel oder zu wenig Stütze

Die sagenumwobene Stütze. Kaum hat man das Gefühl, sie verstanden zu haben, weiß man im nächsten Moment wieder nicht, was man eigentlich tut. Die Schwierigkeit liegt weniger darin, welche Muskeln du anspannst, als im Maß: Die eigentliche Aufgabe ist die Dosierung der Stützenergie. Und weil eine Fertigkeit mit jedem Fortschritt weniger Energie braucht, musst du das Maß immer wieder neu justieren.

Problem Nr. 2: Falsche Einschätzung der eigenen Stimm-Lautstärke

Ich erlebe immer wieder, dass Sänger:innen ihre Stimme für zu laut halten, obwohl sie zwei- oder gar dreimal so laut singen könnte. Laute Töne fühlen sich dann wie Schreien an. Der Unterschied zwischen Schreien und Singen ist aber Kontrolle, und die kommt in der Regel über ausreichende Stützenergie. Dazu verzerren komprimierte Aufnahmen und Kopfhörer beim Üben die Wahrnehmung der eigenen Lautstärke. Wer sich traut, deutlich lauter zu singen, merkt, dass sich vieles sogar leichter und freier anfühlen kann.

Problem Nr. 3: Undifferenzierte Wahrnehmung und Reproduktion von Vokalen

Die Vokale, die wir singen, entscheiden mit darüber, wie wir die Stimme technisch einsetzen können. Ein I wie in Igel können wir gar nicht laut singen, andere Vokale gehen selbst in extremen Höhen. Dazu kommt die Lücke zwischen Schrift und Klang: Geschrieben gibt es nur aeiouäöü, gesprochen unzählige Varianten. Wenn wir über Vokale reden, trenne ich deshalb den Zungenvokal von der Lippenrundung. Rundest du die Lippen, färbst du den Grundvokal um, und die Klangfarbe ändert sich von Vokal zu Vokal.

Problem Nr. 4: Falsches Verständnis und unrealistische Erwartung an das eigene Üben

Beim Üben kommt es weniger darauf an, wie lange oder wie intensiv du übst, als darauf, wie regelmäßig du übst. Fünf Minuten am Tag zählen schon, vor allem wenn du sie an eine Gewohnheit koppelst, die du ohnehin hast, etwa an den Kaffee am Morgen. Was du heute übst, hörst du erst später. Deshalb hilft eine kleine Belohnung direkt danach, ein Häkchen auf einer Liste reicht.

Problem Nr. 5: Singen ohne Bewegung

Das Gegenteil von Verspannung ist für mich nicht Entspannung, sondern Bewegung. Einen Muskel auf Knopfdruck zu entspannen ist schwer, einen Muskel in Bewegung zu verkrampfen nahezu unmöglich, weil er dabei ständig zwischen Anspannung und Lösen wechselt. Hebst du beim Singen die Arme, als würdest du nach etwas Hohem greifen, weiten sich Rippen und Brustkorb, und das wirkt direkt auf deine Stützmuskulatur.

Problem Nr. 6: Unrealistische Erwartung gegenüber dem Einsingen und Warm-Ups

Einsingen ist vergleichbar mit dem Aufwärmen im Sport: Du bereitest dich körperlich und mental darauf vor, die Stimme stärker zu belasten als sonst, und prüfst nebenbei, in welchem Zustand sie heute ist. Nicht mehr und nicht weniger. Technische Probleme zu lösen ist Aufgabe des Übens, deshalb trenne ich beides klar. Wer sich vor dem Auftritt stundenlang mit Übungen aufwärmt, kann sich schon vorher festsingen.

Problem Nr. 7: Singen auf Autopilot

Was durch Wiederholung im Muskelgedächtnis sitzt, läuft irgendwann von allein. Das ist ein Luxusproblem, aber eins: Die Gedanken driften ab, mitten im Auftritt zum Mittagessen von morgen, und die Musik wird teilnahmslos. Aus dem Autopiloten holt dich Präsenz. Dabei hilft, bewusst etwas anders zu singen als sonst, etwa im Tempo oder in der Dynamik. Dann musst du in der Musik sein.

Problem Nr. 8: Lampenfieber

Lampenfieber muss nicht weg, ein bisschen davon ist gut. Schwierig wird es, wenn du dich dahinter versteckst: mit einer leisen Stimme, einem aufgesetzten Gesicht oder hinter dem Notenblatt. Statt noch eine Technik obendrauf zu packen, frage ich lieber: Wie willst du rüberkommen? Und ich halte es für ein Zeichen von Stärke, die eigene Verletzlichkeit auf der Bühne zu zeigen.

Problem Nr. 9: Unrealistische Selbsteinschätzung der eigenen Fähigkeiten

Man sagt immer, man solle sich nicht vergleichen. Abschalten lässt sich das Vergleichen aber gar nicht, und es hat einen Nutzen: Es gleicht deine innere Wahrnehmung an die äußere an. Auf der Bühne merkst du, wie es sich anfühlt, aber nicht, wie es aussieht, und deine Stimme klingt von außen anders, als du sie von innen hörst. Die zweite Sicht holst du dir über Videoaufnahmen von dir selbst. Die Diskrepanz geht nie ganz weg, aber wenn du dich öfter aufnimmst, erwartest du sie, und sie ist kein Schock mehr.

Problem Nr. 10: Heiserkeit nach dem Singen

Nach einem langen Konzert ist die Stimme angestrengt, ähnlich wie bei einem Muskelkater, und das darf man fühlen. Heiser nach dem Singen zu sein ist etwas anderes und kann viele Ursachen haben, von trockener Raumluft bis Reflux. Nicht immer steckt ein Technikproblem dahinter. Hält die Heiserkeit an, gehört sie ärztlich abgeklärt, mit weiteren Übungen kommst du dann nicht weiter.

Problem Nr. 11: Körperliche Verspannungen

Rund um den Kehlkopf liegen die Schlundschnürer. Verspannst du dich unkontrolliert, besonders oberhalb der Schultern, legen sie sich wie ein Airbag um den Stimmapparat, und die Stimme verliert an Beweglichkeit. Eine Verspannung beim Singen zeigt sich weniger als Schmerz, eher daran, dass eine Stelle mehr Kraft kostet, als sie sollte. Sing sie einmal normal und einmal mit einer kleinen Bewegung. Geht die bewegte Version leichter, hältst du irgendwo fest.

Problem Nr. 12: Artikulation und Aussprache

Nicht nur die Vokale sind komplex, auch die Konsonanten. Ob ein Konsonant verstanden wird, hängt zuerst an seiner Präzision und erst danach an seiner Härte. Für die Textverständlichkeit reduziere ich die nicht klingenden Konsonanten wie P, T, K, S und F bis zu dem Punkt, an dem der Text gerade noch deutlich genug ankommt. In einer halligen Kirche liegt dieser Punkt höher als im trockenen Probenraum.

Problem Nr. 13: Gefangen im Falsett

Manchmal steckt hinter dem Lautstärkeproblem aus Nr. 2 auch, dass die Stimme im Falsett gefangen ist. Dieses Register nenne ich gern die „Komfort-Zonen-Couch“: Dorthin lässt sich die Stimme fallen, wenn eine Phrase technisch nicht ganz sauber läuft, daher auch das „Brechen“ an unsicheren Stellen. Das Falsett ist kein Fehler, ich singe selbst sehr viel darin. Entscheidend ist, ob du es wählst oder darin landest, weil gerade nichts anderes geht. Benutzt du es bewusst, bekommst du ein genaueres Gefühl dafür, wann du drin bist.

Problem Nr. 14: Angst vor schweren Passagen

Stell dir vor, du musst in diesem Moment einen Song vor 2.000 Leuten singen, den du noch nie gesehen hast, und beobachte, wie sich dein Körper dabei anfühlt. „Singen ist Kopfsache“ stimmt nur zur Hälfte: Unsere Gedanken bestimmen, wie wir uns anspannen, und umgekehrt beeinflusst die Körperhaltung, wie wir uns fühlen. Das erklärt für mich, warum eine Stelle so schwer wird, vor der du schon vorher Angst hast. Vor einem hohen Ton, der dir Angst macht, hilft es deshalb, dich in Halbtonschritten an den Zielton heranzusingen, mit passendem Vokal und passender Energie, bis du dir genug Beweise geliefert hast, dass du ihn kannst. Das braucht mehrere Übeeinheiten, die Angst vor einem hohen Ton geht nicht so schnell weg.

Problem Nr. 15: Übermäßiger Fokus auf den „eigenen Stil“

Unverkennbar klingen, einen Stil haben, der nur auf dich zurückgeht: Im Gesang wird das fast schon wie die Suche nach der eigenen Identität behandelt. Dabei haben auch die unverkennbaren Sänger:innen klein angefangen und andere unzählige Male kopiert. Kopieren und Imitieren halte ich für den schnellsten Weg zum eigenen Stil. Das eigene Ding entsteht danach, wenn du einen Song variierst: in Aussprache, Dynamik, Tempo oder Klangfarbe. Je mehr Varianten du durchgespielt hast, desto mehr steht dir im Moment zur Verfügung.

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